Eines der ungewöhnlichsten Ereignisse, die die Jünger Jesu erlebten, geschah in einer dunklen Nacht auf dem galiläischen See. Während sie hilf- und schutzlos im Boot saßen, erblickten sie in der Dunkelheit eine geheimnisvolle Gestalt, die sich anscheinend auf der Oberfläche des Wassers gehend auf sie zubewegte. Ihre panischen Schreie wurden beschwichtigt, als sie erkannten, dass die unheimliche Gestalt niemand anderes war als Jesus. Ihre Angst verwandelte sich in ein Gefühl der Ehrfurcht und des Erstaunens.

Was als Nächstes geschah, ist für mich nicht leicht zu verstehen, da es mir nicht leicht fällt dem Gedankengang des Simon Petrus zu folgen. Ich kann mich irgendwie nicht in seine Situation hineinversetzen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich dieselbe Bitte gehabt hätte, wie er. Aber die biblische Aufzeichnung darüber ist deutlich. Als Petrus hörte, dass es Christus war, rief er sofort aus: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ (Matthäus 14,28).

Petrus äußerte seinen Wunsch nicht, damit sein Glaube gestärkt würde. Die Formulierung seiner Bitte scheint auszudrücken: „Ich bin mir nicht sicher, ob du es bist, aber, wenn du es bist, dann sag, dass ich zu dir kommen soll und ich werde kommen.“ Wenn Petrus über die Identität der Gestalt unsicher gewesen wäre, hätte er dann gewagt, aus dem Boot auszusteigen? Ich glaube nicht. Er wusste, dass es Jesus war und deswegen äußerte er seine Bitte. Was aber viel schwieriger zu verstehen ist, ist das Motiv, das hinter seiner Frage steckte. Wollte er einfach nur den Nervenkitzel spüren, wie es ist, auf dem Wasser zu gehen? Dachte er daran, welch eine großartige Geschichte er seinen Enkelkindern erzählen könnte? War er so eifrig Jesus zu treffen, dass er nicht abwarten wollte, bis Christus ins Boot stieg? Keine dieser Überlegungen macht wirklich Sinn. Eines aber ist sicher. Jesus sprach ohne zu zögern: „Komm“.

Jesu Antwort ist genauso verwirrend wie die Bitte des Petrus, doch es war nicht untypisch für die Art seines Wirkens. Es gab sehr selten eine Bitte, der Jesus nicht nachkam, egal, wie unangemessen oder unrealistisch sie zu sein schien. Zum Beispiel, als er gebeten wurde, auf der Hochzeit zu Kana in Galiläa Wasser in Wein zu verwandeln. Er willigte ein, obwohl es so aussah, als würde das seinem Plan entgegenwirken. Bei Petrus gab es kein offensichtliches Bedürfnis, dieser Bitte nachzukommen. Oberflächlich gesehen schien Petrus nur den Nervenkitzel oder Angabe gesucht zu haben. Was der Grund auch war, Jesus sprach zu ihm „komm“ und sogleich stieg Petrus aus dem Boot und begann auf dem Wasser zu gehen.

Es war so einfach wie das Atmen. Petrus hatte nie die Theorie oder Praxis des auf dem Wassergehens studiert. Er hatte nie trainiert, schwerelos zu sein, nie die mentale und physikalische Seite geklärt. Seine Augen waren auf Jesus fixiert und durch die Macht dieses einzigen Wortes „komm“, ausgesprochen von den Lippen, die weder lügen noch versagen können, stieg er im vollkommenen Vertrauen aus dem Boot. Kein menschliches Wesen wird jemals die Mechanik dessen erklären können, was dort geschah. Es wäre unsinnig, selbst darüber nachdenken zu wollen. Vielleicht wurde der See plötzlich so fest wie Stein oder Petrus wurde so leicht wie ein heliumgefüllter Luftballon. Vermutlich ist nichts von dem richtig, aber Tatsache ist, dass er an etwas beteiligt war, das unmöglich ist und er es völlig ohne Anstrengung tat.

Was war das Geheimnis, dass Petrus in dieser Nacht die ersten Schritte erfolgreich auf dem Wasser gehen konnte? Welche wichtigen Dinge waren nötig, um das zu ermöglichen?

Zuerst einmal das Wort Jesu. Dieses einzige Wort „Komm“ wurde von der Rechtschaffenheit eines Lebens, in dem es weder einen Schatten von Sünde noch Veränderlichkeit gab, untermauert. Es kam von Lippen, die niemals gelogen oder unnütz geredet hatten. Es gab keinen Zweifel, dass das Wort das Siegel unfehlbarer Wahrheit und Vollmacht trug.

Zweitens war die Gegenwart und die Macht Christi anwesend. In ihm war die von seinem Vater verliehene Macht, jede noch so unmöglich scheinende Aufgabe zu lösen und selbst Tote auferstehen zu lassen. In ihm war die Gewissheit der Unfehlbarkeit und Allmacht.

Jesus ergreift die Hand von PetrusDrittens war da der Glaube des Petrus. Es war keine Waghalsigkeit, die Petrus im vollkommenen Vertrauen aus dem Boot steigen ließ. Es war keine Vermutung, Hoffnung oder bloßer Gedanke, dass es klappen könnte. Mit seinen auf Christus gerichteten Augen hatte er keinen Zweifel daran, was geschehen würde, wenn sein Fuß die Wasseroberfläche berührte. Als er auf dem Wasser stand, war er kein bisschen überrascht. Er wusste ganz genau, dass, wenn er Jesu Worte Folge leisten würde, er auch zu ihm gelangen könnte. Deshalb stieg er ohne Schwimmweste oder Rettungsleine aus dem Boot und bat auch nicht die anderen Jünger, für den Notfall in seiner Nähe zu bleiben.

Wir wissen nicht genau, was Petrus und Jesus durch den Kopf ging in dieser Nacht. Wir wissen aber, dass dieses bemerkenswerte Wunder aufgezeichnet wurde und erhalten geblieben ist. Jesus tat viele Wunder, während er auf der Erde war. Während jedoch nicht alle Wunder aufgezeichnet wurden, können wir in jenen, von denen die Bibel spricht, wichtige Wahrheiten und Prinzipien finden, die entscheidende Lehren in Bezug auf das christliche Leben beinhalten.

In Römer 1,16 erklärt uns der Apostel Paulus:

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ (Römer 1,16)

In diesen Wundern Jesu sehen wir sehr oft, wie durch die Kraft Gottes körperliche Heilungen geschahen. Paulus sagt, dass das Evangelium dieselbe Kraft ist, wirkend zur Seligkeit. Es gibt keinen Unterschied in der Art und Weise, wie die Heilung stattfindet, nur, dass in einem Fall der Körper und im anderen der Geist betroffen ist. Sollten wir glauben, dass es schwieriger für Gott ist, den Geist zu heilen als den Körper? Die Wahrheit ist, dass die Wunder Jesu voller Lehren sind, die – richtig verstanden – uns befähigen, die wichtigsten Grundlagen zu begreifen, die für unser Seelenheil notwendig sind.

Sehen wir einmal, welche Lehren wir aus dem außerordentlichen Erfolg des Paulus lernen können.

Die offensichtlichste Lehre ist, dass das siegreiche christliche Leben nicht schwierig ist. Es ist nicht schwieriger, als auf dem Wasser zu gehen. Beide Tätigkeiten sind menschlich gesehen unmöglich. Keine noch so große Willensstärke, Konzentration, Hingabe oder Anstrengung kann auch nur eine Sekunde lang einen Menschen befähigen, eins von beiden zu tun. Menschlich gesehen sind diese Taten unmöglich, doch beide warten nur auf eines: auf den Glauben des Menschen, einen Glauben, der einfach dem Wort Gottes glaubt. Glaube an das Wort macht das Unmögliche möglich und leicht.

Eine andere Lehre, die wir lernen, ist, dass die Ausführung der Tat vollständig das Werk Christi ist. Was tat Petrus, um Christus zu helfen oder diesem Wunder den Weg zu bahnen bzw. was tat er, um sich selbst darauf vorzubereiten? Die Antwort lautet: Nichts! Er glaubte einfach nur dem Wort Christi. Das war alles. Als er diesem Wort glaubte, stieg er aus dem Boot heraus und in das Unmögliche hinein. Das Werk wie auch die Vorbereitung tat Christus. Er kümmerte sich um die physikalischen Schwierigkeiten. Alles, was Petrus tat, war, seinem Wort zu folgen und auf ihn zu schauen.

Wie sieht es mit der Überwindung der Sünde und des siegreichen Lebens aus? Helfen wir Christus dabei? Können wir überhaupt etwas tun, um dieses Werk einfacher zu machen bzw. gelingen zu lassen? Nein! Alles, was wir tun müssen und tun können, ist, Gott zu glauben, dass er unsere Errettung, Heiligung und Rechtfertigung in Christus bereits vollbracht hat.

Noch eine weitere lebenswichtige Lehre ist die Notwendigkeit, stets auf Christus zu schauen. Der Gang des Petrus auf dem Wasser dauerte nicht nur einen Augenblick. Es erforderte seine Konzentration nicht nur für einen bestimmten Zeitpunkt, sondern viele Schritte lang. Petrus begann gut, doch er hielt seinen Blick auf Jesus nicht aufrecht. Wenn seine Reise 10.000 Kilometer lang und ein ganzes Jahr gedauert hätte, wäre dann etwas anderes als am Anfang nötig gewesen? Überhaupt nicht, denn es besteht gar kein Unterschied. Die Methode, mit der er begann, blieb auch bei jedem seiner Schritte dieselbe. Wurde der Gang mit der Zeit schwieriger? Musste er auch nur für eine Sekunde auf seine Schritte achten? Musste er über die Technik seiner Schritte nachdenken? Absolut nicht!! Alles, was er tun musste, war, seine Augen auf Jesus gerichtet zu halten und alle Ablenkungen zu ignorieren. In dieser Verbindung mit Jesus tat Petrus das Unmögliche und in dieser Verbindung mit ihm hielt er auch das Unmögliche aufrecht. Er fiel erst, als er seine Augen von Christus abwandte.

Können wir von dem Lebenswandel des Christen dasselbe sagen? Es ist interessant, dass die Reise eines Christen oft mit einem „Wandeln“ in der Bibel verglichen wird. Wir werden ermahnt, „im Geist zu wandeln“, d.h. so im Herrn Jesus zu bleiben, wie wir ihn empfangen haben. Die Betonung liegt auf dem Aufrechterhalten der anfänglichen Erfahrung. Wenn wir Glauben haben an Jesus Christus, haben wir die einzige Methode gefunden, die jetzt und für alle Zeit notwendig ist, um allen Segen von Gott zu erhalten.

Die vierte wichtige Lehre ist die Lehre über die Notwendigkeit, alle Ablenkungen zu vermeiden. Das kann nicht genug betont werden. Als Petrus auf dem Wasser ging, war er in Wirklichkeit ein übernatürliches Wesen. Er tat, was gewöhnliche Menschen nicht tun können. Mit seinen auf Christus gerichteten Augen, betrat er die Welt des Übernatürlichen und übte die Kräfte der kommenden Welt aus. Dennoch gab es auch in jener Nacht einige Ablenkungen, die als Gegner Christi um die Aufmerksamkeit des Petrus buhlten.

  1. Die Majestät des Windes und der Wellen konnte bewundert werden.
  2. Der Schrecken des Sturms wirkte auf das Gemüt ein.
  3. Die verwundert dastehenden Jünger beobachteten ehrfurchtsvoll das Geschehen.
  4. Geschichten, die er seinen Enkelkindern erzählen könnte, beschäftigten vielleicht sein Gemüt.

Die einzige Aufgabe lag darin, seine Augen von Christus nicht wegzunehmen. Er musste sich keine Sekunde lang mit der Theorie oder der Praxis des auf dem Wassergehens beschäftigen. Doch angesichts all dessen, was um ihn herum geschah, versagte er bei dieser Herausforderung. Er ließ zu, dass seine Aufmerksamkeit abgelenkt wurde. Sogleich sank er ins Wasser. Das ist dieselbe Situation, mit der wir es auch heute zu tun haben. Nichts kann uns besiegen, wir werden weder sündigen noch vom Feind überwunden werden: wir können es genauso einfach, wie Petrus auf dem Wasser ging. Die einzige Bedingung ist, dass wir unsere ganze Aufmerksamkeit im Glauben auf Christus und sein Wort gerichtet halten und mit unseren geistlichen Augen fixieren.

Es wird oft die Frage gestellt, wie ein Christ vollkommen über Sünde siegreich sein kann. Die Frage lautet eher: Wie könnten wir jemals Sünde tun, wenn wir an ihn und seinem Wort glauben? Es gibt kein Versagen in Christus, nur im Menschen. Wenn wir ihm vertrauen, wird er sein Werk ausführen, und zwar perfekt. Wir sollten uns lediglich vor einer Sache fürchten, nämlich dass wir unsere Augen von ihm abwenden. Darin liegt die größte Gefahr.

Hüten wir uns also davor. Egal, wie gewaltig die Wellen, die symbolisch die Umstände und Ablenkungen kennzeichnen, auch sind, wie Menschen uns bewundern oder Komplimente machen mögen, wie Satan auch noch so versucht, unnütze Gedanken in unseren Verstand einzuflößen – lassen wir es niemals zu, dass wir abgelenkt werden! Jesus ist unsere einzige Hoffnung, er ist unser Leben, er ist unser Alles. Das zu glauben und danach zu leben, ist unsere einzige Sicherheit. Möge Jesus uns helfen, zu lernen, im Vertrauen auf sein Wort auf dem Wasser zu gehen.