Predigt von Oliver Montgomery
Generalkonferenz 1926

SÜNDE IST MEHR ALS EINE EINZELNE TAT!
GERECHTIGKEIT IST MEHR ALS VERGEBUNG!

In meiner Verbindung mit verschiedenen Gruppen von Arbeitern sowie beim Zusammentreffen mit unserm Volk anlässlich der großen Versammlungen im In- und Auslande hat mich eine tiefe Überzeugung ergriffen. Sie ist mir zu einer schweren Herzensbürde geworden um unsrer Arbeiter und unseres Volkes willen, nämlich die feste Überzeugung von dem, was heute für unser Volk die „Speise zur rechten Zeit“ ist. Deshalb wünsche ich nun, etwas mit euch zu betrachten, was die gewaltigen Worte in sich bergen: „Sünde ist mehr als eine einzelne Tat, Gerechtigkeit ist mehr als Vergebung.“

Es besteht eine Gefahr, sowohl unter den Arbeitern als ‚auch unter den Gemeindegliedern, die nach Gott und nach einer tieferen Erfahrung des Heils verlangen, eine Gefahr der Verwirrung von Ausdrücken, die in unserm Wortschatz sehr geläufig sind, wie z. 8. „Rechtfertigung durch den Glauben“ und „Gerechtigkeit durch den Glauben“, „Vergebung“ und „Befreiung“, „Versöhnung“ und „Sieg“.

Das sind alles biblische Ausdrücke, und jeder ist richtig und passend an seinem Platz, und doch sind wir in Gefahr, sie miteinander zu verwechseln. Für unsre Gemeindeglieder ist es deshalb oft sehr schwer zu verstehen, was ein Prediger meint, Wenn er in seiner Rede abwechselnd solche Ausdrücke gebraucht, während er dasselbe Verhältnis zu Christus als seinem Erlöser bezeichnen will. Ich will hier keine Begriffserklärung der genannten Wörter geben, sondern ich will von verschiedenen Erfahrungen in Christo reden, die obige Ausdrücke erklären sollen. Es ist eine sehr wichtige Betrachtung, da sie das ganze Verhältnis des Menschen zu Christus als seinem persönlichen Erlöser von Sünde offenbart.

Zuerst möchte ich auf die zweifache Natur der Sünde eingehen und dann auf die zweifache Vorkehrung des Erlösungsplanes in Christo, die getroffen ist, um dieser zweifachen Natur der Sünde entgegenzutreten. Zum besseren Verständnis Stelle ich folgendes gegenüber:

Die Sünde als Tat 

  • Die Schuld der Sünde
  • Die Vergebung der Sünde
  • Die Rechtfertigung durch den Glauben

Die Sünde als Veranlagung

  • Die Macht der Sünde
  • Die Befreiung von der Macht der Sünde
  • Die Gerechtigkeit durch Glauben

„Die Sünde als Tat“ ist das, was wir ausführen, wofür wir verantwortlich sind, unser bewusstes Tun des Bösen oder bewusstes Lassen des Guten. „Die Sünde als Veranlagung“ ist das, wofür wir nicht verantwortlich sind, was wir durch Vererbung erhalten haben, der  Zustand, in dem wir geboren sind. Unter die Worte „Sünde als Tat“ habe ich geschrieben: „Die Schuld der Sünde“, unter „Sünde als Veranlagung“ „Die Macht der Sünde“. Unter „Schuld der Sünde“ steht: „Die Vergebung der Sünde“ und darunter: „Die Rechtfertigung durch den Glauben“. Unter „Macht der Sünde“ steht: „Die Befreiung von der Macht der Sünde“ und darunter: „Die Gerechtigkeit durch den Glauben“.

Ein Ausspruch von E. G. White aus „Christi Gleichnisse“ Seite 172 mag hier angebracht sein:

„Christus wünscht nichts sehnlicher, als Sein Erbteil von der Herrschaft Satans zu befreien. Ehe wir aber äußerlich von Satans Macht erlöst werden“ (siehe die linke Seite der Gegenüberstellung), „müssen wir innerlich von seiner Macht frei sein“ (siehe die rechte Seite der Gegenüberstellung). (Joh. 8,31-36; d. Übers.)

In dem herrlichen Erlösungsplan hat Christus durch Sein Opfer am Kreuz auf Golgatha und in allem, was Er für uns getan hat, nicht allein Vorkehrung getroffen zur Vergebung der einzelnen sündlichen Taten, sondern – gepriesen sei Sein heiliger Name – Er hat auch Vorkehrungen getroffen, uns von der sündhaften Veranlagung zu befreien, die wir geerbt haben, in der wir geboren sind.

Von Satans Macht befreit!

Wir sind befreit. Mit großer Freude rufe ich es aus, liebe Geschwister: Befreit! Befreit! Befreit von Satans Macht! Wo wirkt sich diese Befreiung aus? — Im Innern.

Wenn ich etwas Verständnis für das Sehnen unserer Geschwister habe, so gipfelt dieses in dem Wunsche, die Erfahrung solcher Freiheit zu kennen. Und wenn es irgendetwas gibt, was unsere Brüder mit Entschiedenheit und Macht zu predigen imstande sein Sollten, dann ist es diese Botschaft der inneren Befreiung von Satans Macht. Jeder Seele sollte es klar gemacht werden, dass der Herr Jesus Christus gerade vor der Tür des verlangenden Herzens steht, bereit und willig, unendlich viel mehr zu tun, als nur die begangenen Sünden zu vergeben. Er verlangt danach, dass wir Ihm unser Herz weit öffnen und Ihn als willkommenen Gast empfangen, so dass Er darin wohnen, die alte sündhafte Natur kreuzigen und Sein Leben in uns einpflanzen kann. (Offenb. 3,20; d. Übers.)

Er wünscht uns von der Knechtschaft der Sünde zu befreien und alle unsere Handlungen zu leiten. Aber um dies tun zu können, muss Er die Herrschaft in unserem Herzen haben. Er muss Sein eignes Wesen in uns einpflanzen. (Ephes. 3,15-19; d. Übers.)

Ich möchte fragen: Predigen wir die Botschaft der Befreiung? Sind wir imstande, mit Klarheit und Entschiedenheit ein persönliches Zeugnis von der rettenden und bewahrenden Gnade Christi abzulegen? Sind wir zu solchem Zeugnis fähig aus persönlicher Erfahrung und Erkenntnis, um einer jeden verlangenden Seele helfen zu können? (Joh. 17,22-23; d. Übers.) O möge Gott uns ausrüsten mit der Fülle Seiner Macht!

Sünde ist, wie bereits erwähnt, mehr als eine einzelne Tat. Sünde ist eine Veranlagung. Wenn eure Natur geändert worden ist, dann wird, anstatt dass die Sünde euch beherrscht, die Gerechtigkeit euer Leben auszeichnen. Der Herr Jesus Christus ist mehr bekümmert um das, was wir sind, als um das, was wir tun. Denkt darüber nach:

“Die Vergebung der Sünden ist nicht das einzige Ergebnis des Todes Jesu. Er brachte das unendliche Opfer nicht nur, damit Sünde vergeben werden könne, sondern auch, damit die menschliche Natur aus ihrer Verderbnis zurückgebracht, neu hergestellt und somit für die Gegenwart Gottes tauglich gemacht werde.“ (Engl. Zeugn. Rd. V. 5. 537).

Die Umgestaltung des Lebens, eine klar geoffenbarte Wahrheit

Das Wirken Christi in dem Erlösungswerk ist einzig und allein auf die Umwandlung des menschlichen Charakters gerichtet. Wiederum sage ich: die Vorkehrung des Herrn Jesu umfasst den Wechsel der Natur, nicht nur eine Änderung des Bekenntnisses, nicht einfach einen Wechsel in der Meinung über gewisse Lehrpunkte, sondern eine Änderung des Wesens, denn Sünde ist zuerst eine Natur, und die Erlösung durch Jesus Christus gibt uns eine neue Natur in Ihm. (2. Kor. 5, 17 und 21; d. Obers.)

Auf den Neuen Hebriden führte eine unserer Missionarinnen ein heidnisches Mädchen zur Wahrheit. Sie wurde ein lebendiges Glied und suchte nach mehr Licht. Aber die Gesellschaft ihrer Kindheit und die Einflüsse ihres alten heidnischen Lebens wirkten noch sehr auf sie ein. Eines Tages kam sie zu uns und sagte: „Schwester James, in meinem Innern regt sich etwas, das mich in das alte Leben und die alten Gewohnheiten wieder hineinziehen möchte. O bete schnell zu deinem Gott, dass Er dies aus mir entfernt.

Tausende von Geschwistern in unsern Heimatgemeinden haben gerade dasselbe entdeckt wie dieses heidnische Mädchen, nämlich, dass sich etwas in ihrem Innern vorfindet, das sie zurückwerfen will in die Sünde, in die Knechtschaft. (Römer 7,22-24; d. Übers.)

Was ist das? Was war es bei jenem heidnischen Mädchen? Böse Geister machten den teuflischen Einfluss aus ihrem früheren Leben wieder geltend. Satan bemühte sich, die Herrschaft in ihrem Leben zu behalten, indem er ihre alte sündhafte Natur benutzte, die noch nicht mit Christus völlig gekreuzigt worden war.

Was ist es, was so viele unter uns veranlasst, wieder Unrecht zu tun? Was hat unser teures Volk in allen Gemeinden entdeckt? O meine Freunde, es ist jene alte sündhafte Natur, die der Teufel wieder in das neue Leben hineinbringen und dazu benutzen möchte, um es zu Fall zu bringen, zu vernichten und die Seele wieder in die Knechtschaft des Bösen zurückzuwerfen.

„Das Herz muss von allem gereinigt sein, was zur Sünde verleitet.“ — Review and Herald, 28. Juni 1904. – Denkt darüber nach: „Das Herz muss gereinigt sein!“ Wovon? – Von der Schuld der Vergangenheit! Sicherlich! Von weiter nichts? O ja, „Von allem, was zur Sünde verleitet“. Das war’s, was das heidnische Mädchen entdeckte. Das Herz muss von allem gereinigt sein, das einen Menschen in Sünde und Übertretung zurückwirft, von allem, das ihn veranlasst, das zu tun, was dem Namen Christi Unehre machen würde.

Gott ist besorgt darum, dass jeder einzelne seines teuren Volkes von der Macht und Herrschaft Satans befreit wird, von der Herrschaft des alten sündigen Lebens. O ist es nicht ein Jammer, dass manche von uns die Heilsbotschaft nur zur Hälfte erfahren oder verkündigen? Wollt ihr fortgesetzt nur die Botschaft von der Vergebung der Sünden annehmen und auf der ersten Stufe des christlichen Lebens stehen bleiben, als ob das genügen könnte? (Hebräer 6,1; d. Übers.) Es gibt eine höhere Stufe: das ist ja gerade der Gegenstand unsrer Betrachtung: die Erhöhung zur göttlichen Natur. (2. Petr. 1,3-4; d. Übers.) Diese jedem einzelnen zu geben ist Jesu größte Sorge.

„Gott wünscht die Menschen in unmittelbare Verbindung mit sich zu bringen. In seinem ganzen Umgang mit ihnen beobachtet Er den Grundsatz persönlicher Verantwortlichkeit. Er sucht den Sinn für persönliche Abhängigkeit zu ermutigen und uns die Notwendigkeit persönlicher Führung einzuprägen. Er wünscht das Menschliche mit dem Göttlichen zu verbinden, damit der Mensch in das göttliche Ebenbild umgestaltet werden kann. Satan ist bemüht, diese Absicht Gottes zu durchkreuzen und einer Abhängigkeit von Menschen Vorschub zu leisten. Wenn die Gedanken von Gott abgewandt sind, kann sie der Versucher unter seine Macht bringen, dann kann er den Menschen beherrschen.“ (Counsels on Health, 5. 345.)

Dieser Gedanke, dass der Mensch in das Ebenbild Gottes umgestaltet werden soll, zieht sich durch die ganze Heilige Schrift; man kann sogar sagen, er steht im Vordergrund des Heilsplanes. Der Apostel Paulus schreibt in seinen Briefen über die Befreiung und hebt den Gedanken der zweifachen Natur der Sünde und die zweifache Vorkehrung gegen sie im Erlösungsplan hervor.

„Denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod Seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, wie viel mehr werden wir bewahrt werden in Seinem Leben, so wir nun versöhnt sind.“ Römer 5,10. (Griech. N.T.; d. Übers.)

Hier ist zuerst die Rede von der Versöhnung, von der Vergebung der Sünden, von der Rechtfertigung, von der Beseitigung aller Schuld der Vergangenheit von dem freigesprochenen Sünder. Das, was den Sünder von Gott trennte, ist entfernt, und die früheren „Feinde“ Gottes sind ihm nahe gebracht worden. Nichts steht mehr zwischen dem Sünder und seinem Erlöser, er ist versöhnt durch den Tod des Sohnes Gottes, alle Schuld ist getilgt, denn Christus hat sie bezahlt.

So gewiss nun dies wahr ist, so gewiss ist auch das Folgende wahr. „Wie viel mehr werden wir bewahrt werden in Seinem Leben, so wir nun versöhnt sind.“ Der Mensch, der Vergebung erlangt hat, dessen Sünden abgewaschen sind, fängt an, für Gott zu leben, in Seinen Wegen zu wandeln und Seinen Willen zu tun. Aber wo bekommt er die Kraft her, die ihn zu solchem Leben befähigt? O liebe Geschwister, dies alles kommt durch die lebendige, göttliche Gegenwart unsers Heilandes in dem Herzen desjenigen, der sich Ihm völlig ausgeliefert hat. Es ist das gegenwärtige Leben des innewohnenden Sohnes Gottes, das die Menschen vor dem Sündigen bewahrt; und dieses Leben des Sohnes Gottes wird uns durch den Heiligen Geist mitgeteilt.

In dem Buche „The Desire of Ages“ lesen wir auf Seite 311:

„Der Erlösungsplan sieht unsre vollständige Befreiung von der Macht Satans vor. Christus trennt die reuevolle Seele stets von der Sünde. Er kam, um die Werke des Teufels zu zerstören, und hat Vorsorge getroffen, dass der Heilige Geist jeder bußfertigen Seele mitgeteilt wird, um sie vor dem Sündigen zu bewahren.“

Lasst uns kurz diesen Ausspruch zergliedern:

Was sieht der Erlösungsplan vor?

  • „Unsre vollständige Befreiung von der Macht Satans.“

Was tut Christus für die reuevolle Seele?

  • „Christus trennt die reuevolle Seele stets von der Sünde.“

Wie oft?

  • „S t e t s.“

Er versäumt niemals Seine Verheißungen auszuführen, wenn der Mensch Ihn nicht daran hindert.

Wozu kam Christus?

  • „Er kam, um die Werke des Teufels zu zerstören.“

Wo geschieht dieses Werk Christi?

  • „In jeder bußfertigen Seele“.

Ich liebe es, die persönliche Anwendung zu machen und zu sagen: „In mir!“

Welche Vorkehrung hat Er getroffen?

  • „Er hat Vorkehrung getroffen, dass der Heilige Geist jeder bußfertigen Seele mitgeteilt wird.“

Zu welchem Zweck?

  • „Sie vor dem Sündigen zu bewahren“.

Das ist die frohe Botschaft, die wir predigen sollen, die Botschaft von der persönlichen Gegenwart Christi, der Sein eigenes Leben in unsern Herzen auslebt, der Seine göttliche Natur in unser Leben einpflanzt, der uns Seine göttlichen Eigenschaften mitteilt, der in uns wirkt das Wollen und Vollbringen nach Seinem Wohlgefallen und uns dadurch in völlige Obereinstimmung mit Seinem göttlichen Geist bringt. Das ist der Höhepunkt und Hauptzweck der 3. Engelsbotschaft, die ein Volk zubereitet, das dereinst in Herrlichkeit vor dem großen König stehen wird.

„Friede mit Gott“ – „Der Friede Gottes“.

„Nun wir denn sind gerechtfertigt worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.“ Römer 5, 1.

Wenn wir gerechtfertigt sind, haben wir Frieden mit Gott. Ich möchte euch auf den Ausdruck aufmerksam machen: „Frieden mit Gott“. Wir sind gerechtfertigt, versöhnt; alles ist vergeben. Wir sind dem Herrn nahe gebracht worden, und in Christo Jesu ist Friede zwischen dem Herrn des Weltalls und dem Menschen geschlossen. Wann aber kam dieser „Friede mit Gott“ für dich und mich zustande? Wenn ich die Lehre des Wortes recht verstehe, so wurde dieser Friede vor nahezu 2000 Jahren geschlossen. Die Handlung fand zwischen Christus, unserm Herrn, und Gott, unserm Vater, statt. Ob du es glaubst oder nicht, ob du es annimmst oder nicht, ob alle Ungläubigen auf der Erde es leugnen oder nicht, sie wurde damals vorgenommen. Das ist unbedingt wahr. Es war wahr, bevor du geboren warst, es war wahr, als du geboren wurdest; es ist noch wahr und wird immer wahr bleiben. Das ist die große Tatsache; die Vorkehrung ist getroffen! Es ist eine Sache, bei der wir nicht das Geringste zu tun hatten, und dennoch wurde sie für uns und nur allein für uns vollzogen. Es ist ein vollständiges Werk zwischen Jesus Christus und dem Vater.

Wir haben Frieden mit Gott in Jesus Christus. Dieser „Friede mit Gott“ ist uns als freies Geschenk gegeben und wird uns durch einen Glaubensschritt zuteil, dadurch, dass wir die vollendete Tatsache für uns in Anspruch nehmen. Die ganze Schuld unsers vergangenen Lebens ist zugedeckt durch die Gerechtigkeit unsers Herrn Jesu Christi, die uns gutgeschrieben oder zugerechnet ist.

„Die Gerechtigkeit, durch die wir gerechtfertigt sind, ist uns zugerechnet; die Gerechtigkeit, durch die wir geheiligt sind, ist uns mitgeteilt. Das erste ist unser Name für den Himmel, das zweite unsre Tauglichkeit für den Himmel.“ (E. G. White „Review and Herald“ vom 4. Juni 1895.)

Die Rechtfertigung bezieht sich auf das vergangene Leben, die Heiligung auf das gegenwärtige Leben. – Gelobt sei Sein Name!

Beachtet nun den andern Ausdruck, „der Friede Gottes“. Er findet sich in Phil. 4,7: „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christo Jesu bewahren.“ Und außerdem, in Kol. 3,15: „Und der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe; und seid dank. bar.“

„Der Friede Gottes“ ist ein Wirken in dem Herzen des Menschen. Er ist eine lebendige, persönliche Erfahrung, eine gegenwärtige, bleibende Wirklichkeit. Er ist höher als alle Vernunft. Er bewahrt das Herz, er bewahrt die Gesinnung. Er regiert in dem Herzen. Er erfüllt mit Dankbarkeit. Er ist das wahrhaftige, in den Menschen eingepflanzte Leben des Sohnes Gottes. Er ist die Gerechtigkeit durch den Glauben. Er ist Jesus selbst, der dem Menschen Seine eigene göttliche Ruhe bringt. (Eph. 2,14; d. Übers.)

Dieser „Friede Gottes“ bewahrt unsre Herzen in Christo Jesu. Lasst ihn in euern Herzen regieren, denn er ist gegeben, durch die göttliche Gegenwart, den Heiligen Geist, den Tröster, den Stellvertreter unsers teuren Heilandes, der herabgesandt wurde, jedes Glied Seines Volkes zu regieren, zu leiten und zu bewahren!

Viele sehen den Weg nicht klar, der sie dahin führt, durch lebendigen Glauben – an diese Erfahrung mit Christus – vor der Sünde bewahrt zu bleiben. Sie haben keine Schwierigkeit betreffs der Vergebung ihrer Sünden. Sie haben die Bedingungen erfüllt und die Vergebung der vergangenen Sünden in Anspruch genommen und erlangt. Aber sie kommen mit Tränen in den Augen zu uns und sagen: „Ich kann glauben, dass Jesus mir meine Sünden vergibt, aber kannst du mir nicht klarmachen, wie ich einen solchen Halt an Gott gewinne, dass ich davor bewahrt bleibe, immer wieder zu sündigen? Ich möchte meiner Schwachheit, meiner alten Natur, meinem hitzigen Temperament, meinen Leidenschaften nicht immer wieder unterliegen. Kannst du mir nicht helfen?“

Was für eine Art von Evangelium predigen wir solchen Geschwistern? Sorgen wir in diesem Falle für bestimmte Hilfe in Christo? Wissen wir selbst auf Grund einer persönlichen, siegreichen Erfahrung, wie solchen verlangenden Seelen zu helfen ist?

Furcht vor dem Lehren der Heiligung

Bei einer Anzahl von Siebenten-Tags-Adventisten bestand geradezu eine Furcht davor, ein reines, siegreiches, heiliges Leben in Christo Jesu zu lehren. Wir haben uns von dieser Furcht abgewandt. Wir sind nur ein wenig ängstlich gewesen durch den Fanatismus, der die Predigt einer falschen Heiligungslehre begleitet hat, und der, wie ich vermute, sich in der ganzen Welt vorfindet. Schwester White hat unser Volk oft vor solchen so genannten „Volkstümlichen Heiligungsversammlungen“ gewarnt:

„Es gibt Leute, die Heiligkeit bekennen, die erklären, dass sie ganz des Herrn sind, die einen Rechtsanspruch auf die Verheißungen Gottes geltend machen, während sie Seinen Geboten nicht gehorchen. Diese Obertreter des Gesetzes beanspruchen alles, was den Kindern Gottes versprochen ist, aber das ist einfach Vermessenheit; denn Johannes sagt uns: „Wer da sagt: Ich kenne Ihn, und hält Seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in solchem ist keine Wahrheit.“ (1.Joh. 2,4) Ellen G. White sagt aber auch:

„Wir als Volk sind in den entgegengesetzten Irrtum gefallen. Wir anerkennen die Ansprüche des Gesetzes Gottes und belehren die Leute über die Pflicht, gehorsam zu sein. Wir glauben, dass wir alles geben müssen, übersehen aber, dass wir ebensowohl nehmen als auch geben müssen. Wir ermangeln dieser Wahrheit und des Glaubens, der die Seele in bleibender Gemeinschaft mit Christus bewahrt. Wir beanspruchen wenig, während wir viel beanspruchen könnten, denn die Verheißungen Gottes sind unbegrenzt. Viele, die den Geboten Gottes nachzukommen suchen, haben durch Kleinglauben wenig Frieden und Freude und versäumen dadurch, eine richtige Heiligung zu offenbaren, die eine Folge des Gehorsams gegen die Wahrheit ist. Sie sind nicht in Christus verankert. Sie fühlen, dass ihnen in ihrer christlichen Erfahrung noch etwas fehlt, und tragen Verlangen danach. Viele von diesen aber werden gar zu leicht verleitet, Heiligungsversammlungen zu besuchen und sich von den Gefühlen derjenigen bezaubern zu lassen, die das Gesetz Gottes übertreten.“ (Gospel Workers, alte Ausgabe, S. 226.228.)

Hier wird uns klar gesagt, dass wir das nicht beanspruchen, was wir in Christo Jesu beanspruchen könnten. Während diejenigen, die nicht im Lichte wandeln und eine irrige Lehre verbreiten, große Ansprüche auf Heiligkeit machen, sind wir in den entgegengesetzten Irrtum gefallen. Wir anerkennen Gottes Forderungen und wissen, dass wir Gott in allem gehorsam sein müssen, versäumen es aber, die vollkommenen Vorkehrungen, die uns in Christo gegeben sind anzuerkennen und zu beanspruchen.

Eine weitere Anführung von Schwester White:

„Durch den Glauben an das Blut Jesu können alle vollkommen sein in Ihm.“ (Kol. 2,10; d. Übers.) Danket Gott dafür, dass wir es nicht mit Unmöglichkeiten zu tun haben. Wir können Heiligung beanspruchen. Wir dürfen uns der Gunst Gottes erfreuen. Wir brauchen nicht ängstlich darüber nachzusinnen, was der Vater und Christus von uns denken, sondern, was der Vater von Christus, unserm Stellvertreter, denkt. Wir sind in Ihm, dem Geliebten, angenommen. Gott zeigt dem Reuigen und Glaubenden, dass Christus jeden annimmt, der sich Ihm übergibt, damit Er ihn veredele und in Sein Bild umgestalte.“ (General Conference Bulletin, 1901, 5. 419/20.)

Ich ermahne euch Prediger, Gemeindebeamte und Geschwister, die ihr dereinst vor Christus Rechenschaft geben müsst über euer Haushalten: Suchet den Erlösungsplan ganz zu verstehen, und zwar in seiner zweifachen Form, und entfaltet ihn in seiner Schönheit, Kraft und bewahrenden Gnade jeder sündenkranken, hungernden Seele. Lehret die Leute, dass sie Gott nicht nur völligen Gehorsam schuldig sind, sondern dass sie auch die Fülle Seiner Macht beanspruchen müssen, und lasst den Frieden Gottes in euern Herzen regieren in aller Weisheit, Gerechtigkeit und Erkenntnis Seines Willens, Lasst uns die dreifache Engelsbotschaft darstellen im Lichte der Macht Jesu, der uns vor aller Sünde bewahren kann. (Jud. 24; 1.Joh. 3,5-7; d. Übers.)

Mit einer großen Last auf dem Herzen und mit herzlichem Verlangen habe ich versucht, diese Botschaft des Sieges in Christo jeder verlangenden Seele mitzuteilen. Es überkommt mich immer mehr die tiefe Überzeugung, dass Gott bereit ist, Sein Volk mit dem Heiligen Geiste zu taufen und mit Kraft zu erfüllen, wie wir es noch nicht erfahren haben.

Durchforsche dein Leben, dein Herz, dein Familienleben, ob irgendetwas den Geist Gottes betrübt und Ihn hindert, dich zu segnen. Kämpfst du mit Dingen, über die du den Sieg noch nicht errungen hast? Möge Gott uns helfen, eine neue, tiefere Erfahrung mit unserm Herrn Jesus Christus zu machen, auf dass unser Zeugnis für Ihn klarer, bestimmter und erfolgreicher werde. Kostbare Seelen warten ebenso sehr auf die Botschaft der Befreiung von der Sünde, wie auf die Botschaft der Vergebung der Sünde. Von überall vernehmen wir den Ruf nach Befreiung von Gewohnheitssünden, Verfehlungen und Schwächen. Gott wünscht, dass Seine Kinder die Verheißungen in Christo Jesu ergreifen, die eine völlige Erlösung vorsehen. Mögen wir doch alle in unserm Leben eine solche Erfahrung machen, die uns dann auch befähigt, das Verlangen hungriger Seelen zu stillen.