Wenn wir den Titel dieses Artikels betrachten, könnte uns spontan einfallen: „Der Sünder muss sterben, weil das Gesetz beweist, dass er schuldig ist und es deshalb seinen Tod verlangt.“ Wir denken, sein Tod sei völlig von seiner Beziehung zum Gesetz abhängig. Diese Vorstellung ist tief verwurzelt im Denken vieler Christen, und obwohl sie teilweise auch richtig ist, enthält diese allgemeine Ansicht bei weitem nicht die volle Wahrheit. Was ist eigentlich ein Gesetz? Ein Gesetz ist grundsätzlich ein Prinzip oder eine Regel, die das Verhalten des Menschen kontrolliert. Ein Gesetz schreibt ihm vor, wie er sich verhalten soll.

Wenn wir jedoch von Gesetz sprechen, müssen wir zwischen zwei Arten von Gesetzen unterscheiden. Wir möchten zum einen das so genannte Naturgesetz und zum anderen das so genannte Rechtsgesetz betrachten. Die Unterscheidung dieser beiden Gesetze ist für ein richtiges Verständnis der Frage, warum der Sünder sterben muss, äußerst wichtig.

Das Naturgesetz

Im Falle von Naturgesetzen erkennen alle Menschen an, wie wichtig es ist, stets in Übereinstimmung mit ihnen zu leben. Wir können die Gesetze, die in die Natur eingebaut sind, nicht verändern bzw. ausschalten. Sie beschreiben, wie die Natur arbeitet. Sie werden Gesetze genannt, weil die Natur das Verhalten aller Dinge dazu zwingt, in Übereinstimmung mit gewissen Prinzipien zu sein. Eines dieser Gesetze ist das Gravitationsgesetz oder das Gesetz der Schwerkraft. Dieses Gesetz zwingt uns dazu ganz bestimmte Prinzipien einzuhalten, und jeder weiß, dass es verheerende Konsequenzen hat, wenn wir es nicht tun. Ich könnte beispielsweise mit dem Gesetz der Schwerkraft nicht einverstanden sein und deshalb vom Dach eines fünfzigstöckigen Hochhauses springen, ich würde jedoch sehr schnell herausfinden, dass es schwerwiegende Folgen hat, dem Gesetz der Schwerkraft trotzen zu wollen. Auch wenn mir Naturgesetze nicht gefallen, muss ich stets in Übereinstimmung mit ihnen leben oder die Konsequenzen tragen. Das trifft auf jedes Naturgesetz zu.

 

Das Rechtsgesetz

Adam Eva Tod Sünder sterbenRechtsgesetze andererseits sind Gesetze, die von einer regierenden Autorität erlassen werden. Sie werden für ein harmonisches Zusammenleben innerhalb einer bestimmten Gesellschaft als gut bzw. notwendig erachtet, müssen jedoch nicht in jeder Gesellschaft gleich sein. Die Art dieser Gesetze ist abhängig von der Art der Gesellschaft bzw. der regierenden Autorität, die diese erlässt. Bei diesen Gesetzen ist eine Zuwiderhandlung nicht immer mit Konsequenzen verbunden. In vielen Fällen, in denen diese Gesetze gebrochen werden, scheinen die Gesetzesbrecher ungeschoren davonzukommen. Die Vollstreckung dieser Gesetze ist nicht in die Natur eingebaut, wie im Falle von Naturgesetzen. Beim Rechtsgesetz muss die regierende Autorität zunächst zwei Dinge tun: Zuerst muss sie die entsprechenden Gesetze erlassen und sie danach vollstrecken. Dies geschieht, indem sie für die Übertretung der Gesetze Strafen auferlegt, die sie selbst vollstrecken muss.

Natürlich sind viele Gesetze, die von Regierungen erlassen werden, oft mit Fehlern behaftet oder sogar ungerecht. Doch Gott ist der Geber aller Naturgesetze. Deshalb sind Naturgesetze immer gut. Er entwarf das Universum auf eine vollkommene Art und Weise und stellte Naturgesetze auf, um die Existenz des Lebens in einem Muster von Gleichgewicht und Harmonie sicherzustellen.

Die Natur des Moralgesetzes

Das Moralgesetz ist bekannt als eine „Beschreibung“ des Charakters Gottes. Dieses Moralgesetz wird in den zehn Geboten jedoch auf eine etwas begrenzte Art und Weise ausgedrückt und offenbart deshalb nicht die Fülle des Charakters Gottes. Es ist deshalb eher ein „Ausdruck“ als eine exakte „Beschreibung“ des Charakters Gottes. Wenn das Moralgesetz jedoch in allen seinen Facetten richtig verstanden wird, offenbart es sehr wohl, wie Gott in seiner moralischen Natur ist und kann richtigerweise als eine Beschreibung seines Charakters bezeichnet werden. Das bedeutet, dass das Moralgesetz das ist, was Gott ist. Gott hat das Moralgesetz nicht geschaffen, sondern lediglich in Worte gefasst, was er selbst ist. Dieses Gesetz offenbart er uns als Lebensweg.

„Das Gesetz soll seinen Übertretern nicht als etwas von Gott getrenntes dargestellt werden, sondern als eine Offenbarung seines Geistes und Charakters. Wie das Sonnenlicht nicht von der Sonne getrennt werden kann, so kann auch Gottes Gesetz, getrennt von seinem göttlichen Urheber, dem Menschen nicht richtig offenbart werden.“ (E.G. White – R&H, 3. Febr. 1891)

Mit diesem Gesetz im Einklang zu leben bedeutet mit Gott im Einklang zu leben. Da Gott aber das Leben ist, bedeutet mit im Einklang zu sein, im Einklang mit dem Leben zu sein. Wenn ein Mensch jedoch nicht im Einklang mit dem Moralgesetz lebt, ist er nicht mehr im Einklang mit Gott und somit auch nicht mit dem Leben. Der Tod als Konsequenz ist die unvermeidliche Folge! Gott muss diesen Menschen nicht noch extra zum Tode verurteilen und töten, weil er bereits automatisch den Tod über sich selbst gebracht hat, indem er sich von Gott getrennt hat, in welchem allein Leben zu finden ist.

„Gott ist der Ursprung des Lebens, und wer den Dienst der Sünde wählt, trennt sich von Gott und vom Leben selbst. Er ist dann ‚fremd geworden dem Leben, das aus Gott ist’. Epheser 4,18. Der Herr sagt: ‚Alle, die mich hassen, lieben den Tod.’ Sprüche 8,36.“ (Leben Jesu, S. 766)

Wir sehen also deutlich, dass das Moralgesetz ein Naturgesetz ist. Wenn man mit ihm in Übereinstimmung lebt, hat man auch das Leben. Wenn man sich von ihm trennt, umarmt man den Tod. Niemand muss einen dann noch zum Tode verurteilen und töten. Die Sünde selbst erledigt das als eine natürliche Konsequenz der Wirkungsweise dieses Gesetzes.

Wie der Tod kam

Im Garten Eden sagte Gott zu Adam: „…an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben.“ (1.Mose 2,17) Die meisten Menschen verstehen diesen Vers so, dass Gott Adam bedrohte und ihm sagte: „wenn du von dieser Frucht isst, bin ich gezwungen dich zu töten.“ War es aber wirklich so? Bedrohte Gott Adam oder machte er ihm eine Prophezeiung? Sprach er davon, was er ihm antun würde, oder wollte er Adam lediglich auf die natürliche Konsequenz aufmerksam machen, welche auch tatsächlich eintrat, als er sich von Gott abwandte? Der Apostel Paulus sagt:

„Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.“ (Römer 5,12)

Beachte, dass der Tod durch einen Menschen in die Welt gekommen ist. Als die Sünde kam, kam der Tod mit ihr. Nicht Gott war es, der den Tod über die Menschen brachte, sondern die Sünde. Als die Sünde in die Welt kam, ritt der Tod auf ihrem Rücken! In 1.Kor. 15,56 sagt Paulus: „Der Stachel des Todes aber ist die Sünde.“ Wenn einen etwas sticht, beginnt das Gift im Körper zu wirken und bewirkt ein Endresultat. Wenn jemand von einem Tier mit einem tödlichen Gift gestochen wird, wie z.B. von einem Skorpion, hat er ein Gift des Todes in sich; das Gift beginnt seine Wirkung zu entfalten und bewirkt letztendlich den Tod. Darum sagt Paulus, dass der Stachel des Todes die Sünde ist. Wenn die Sünde jemanden sticht, injiziert sie ihm ein Gift, das beginnt seine tödliche Wirkung zu entfalten und ihn langsam tötet, bis sein Leben ihn verlässt. Paulus sagt deshalb, dass Adam die Sünde brachte und die Sünde den Tod. Dieser Tod ist zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben. Der Grund dafür, warum alle Menschen sterben ist nur, weil sie die Sündenkrankheit in sich tragen (Römer 5,12). Schau einmal, wie Paulus diese Tatsache beweist:

„Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam; aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet.“ (Römer 5,13)

Auf welchen Zeitabschnitt bezieht er sich, wenn er sagt: „ehe das Gesetz kam“? Er spricht von der Zeit vor der Gesetzgebung auf dem Berg Sinai, d.h. von der Zeit seit der Schöpfung der Welt bis zu dem Zeitpunkt, als Gott Mose die zehn Gebote gab. Natürlich ist das Gesetz schon immer da gewesen, weil es ein Ausdruck der Natur Gottes ist und Gott schon immer existiert hat. Es wurde aber vor seiner Offenbarung auf dem Berg Sinai von den Menschen im Allgemeinen nicht verstanden. Paulus sagt weiter: „…aber wo kein Gesetz ist, da wird die Sünde nicht angerechnet.“ Was möchte er damit sagen? Er weist auf die Tatsache hin, dass die Sünde sehr wohl da war; die Menschen waren zwar Sünder, doch Gott rechnete ihnen ihre Sünden nicht an, d.h. Gott konnte ihnen keine Schuld zuweisen. Warum nicht? Weil das Gesetz noch nicht gegeben war. Ohne das Gesetz hatten die Menschen keine klare Vorstellung darüber, was richtig und falsch war, und deshalb gab es keine eindeutige Möglichkeit, die Menschen des Unrechts anzuklagen.

„Dennoch herrschte der Tod von Adam an bis Mose auch über die, die nicht gesündigt hatten durch die gleiche Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte.“ (Römer 5,14)

Trotz der Tatsache, dass das Gesetz bei den Menschen im Allgemeinen nicht bekannt war, bevor es von Gott gegeben wurde (von Adam bis Mose), herrschte der Tod dennoch über sie, weil alle Menschen starben (außer Henoch). Da ihnen keine Sünde angerechnet werden konnte, kann es auch nicht Gott gewesen sein, der sie etwa aufgrund ihrer Schuld tötete. Sie hatten nicht so gesündigt wie Adam, der ein klares Gebot bewusst übertreten hatte. Ohne das Gesetz konnten sie zwar nicht als Schuldige verklagt werden, trotzdem starben sie. Was tötete sie? Es war die Sünde, die sie tötete! Obwohl sie keine klare Vorstellung davon hatten, was richtig oder falsch ist, befanden sie sich in dem sündigen Zustand, den alle Menschen von Adam erhalten haben, und welcher den Tod in allen bewirkt (Römer 5,21; 7,24; Jakobus 1,15).

Wozu das Rechtsgesetz?

Es kann die Tatsache nicht geleugnet werden, dass die Bibel lehrt, dass jeder Mensch auf der Grundlage des Gesetzes gerichtet wird und diejenigen, die für schuldig befunden werden, zum Tode verurteilt werden.

„Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.“ (Prediger 12,14)

„Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen.“ (Jakobus 2,12)

Diese und andere Verse machen es deutlich, dass unsere individuellen Taten von entscheidender Bedeutung sind, und dass Gott im Gericht jede Tat beurteilen wird. Doch wie erklären wir das? Wenn doch die Sünde den Menschen tötet bzw. der Tod die unausweichliche Konsequenz der Sünde ist, warum hat Gott eine Strafe über die verhängt, die sündigen? Wozu dann noch ein Gericht, in dem die Werke noch einmal hervorgeholt werden und untersucht wird, was jeder Mensch im Einzelnen getan hat, um danach einem jeden seinen Lohn zu geben „nach seinen Werken“? Warum überlässt Gott den Sünder in seinem sterbenden Zustand nicht sich selbst, wenn er doch weiß, dass ihn die Sünde letztendlich sowieso töten wird? In Römer 5,20 lesen wir:

„Das Gesetz ist aber dazwischen hineingekommen, damit die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden.“

Das Gesetz ist dazwischen hineingekommen, damit der Mensch erkennen kann, wie gewaltig die Macht der Sünde in ihm ist.

„Ist dann, was doch gut ist, mir zum Tod geworden? Das sei ferne! Sondern die Sünde, damit sie als Sünde sichtbar werde, hat mir durch das Gute den Tod gebracht, damit die Sünde überaus sündig werde durchs Gebot.“ (Römer 7,13)

Mit anderen Worten, als Adam sündigte, kam die Sünde über alle Menschen. Als Ergebnis seiner Sünde bekamen alle Menschen eine sündige Natur und sterben in Folge der Sünde in ihnen. Im Allgemeinen erkannten die Menschen jedoch nicht, wie sündhaft sie in Wirklichkeit waren. Der Mensch betrachtete den Tod als eine natürliche Sache und sah keine Verbindung zwischen dem Leben, das er besaß und lebte und dem Tod, der über alle Menschen gekommen ist. Gott musste in seiner Liebe einen Weg finden, den Menschen ihre wahre Natur und die Verbindung zwischen ihrer sündigen Natur und dem Tod, d.h. dass die Sünde die Ursache für den Tod ist, aufzuzeigen, damit sie die Sünde fürchten und hassen lernten. Er musste ein System aufrichten, „damit die Sünde überaus sündig werde durchs Gebot.“ Er drückte die Gebote in einer Gesetzesform aus, damit die Menschen die wahre Natur der Sünde erkennen konnten.

Die „Entdeckung“ des Gesetzes

Eines Tages saß Isaac Newton unter einem Apfelbaum, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. Für den sich fragenden Verstand dieses Wissenschaftsgenies wurde dieses banale Ereignis zum Auslöser einer erstaunlichen „Entdeckung“. „Warum“, fragte er sich, „fiel der Apfel auf meinen Kopf? Warum fiel der Apfel nach unten und nicht nach oben?“ Während er darüber nachdachte, wurde ihm die Tatsache bewusst, dass sich die Dinge immer so verhalten und zwar zu jeder Zeit und in jedem Fall. Das führte ihn zur Formulierung des Gesetzes der Schwerkraft, und bis heute wird ihm die Entdeckung dieses Gesetzes zugeschrieben.

Natürlich gab es dieses Gesetz lange vor Isaac Newtons „Entdeckung“. Doch als er es verstand und öffentlich bekannt gab, war es für ihn und die ganze Welt eine erstaunliche Entdeckung. Für ihn selbst war es eine völlige Überraschung. Er drückte es in Worte aus und nannte es das Gravitationsgesetz oder das Gesetz der Schwerkraft. Er versuchte lediglich das in Worte zu fassen, was natürlich schon lange bevor es irgendjemand erkannt hatte, dagewesen war. Dieses Naturgesetz wurde nicht erst dadurch erschaffen oder in Kraft gesetzt, dass Isaac Newton es in Worte fasste. Seine Beschreibung machte es lediglich bis zu einem gewissen Grad verständlich.

Das Moralgesetz Gottes hat schon immer existiert. Alle Engel waren ihm von Natur aus, ohne es in Frage zu stellen, gehorsam. Luzifer ist der erste gewesen, der es entdeckt und die anderen Engel darauf hingewiesen hatte, dass ihr Verhalten immer darauf ausgerichtet war, was Gott wollte. Der Gedanke, dass sie durch ein Gesetz regiert werden, war eine seltsame Vorstellung für jene Engel, deren Dienst stets in einem natürlichen und freudigen Gehorsam bestand. Luzifer „entdeckte“ sozusagen das Moralgesetz und beschloss, dass er sich ihm nicht beugen würde.

Um dem Menschen klarzumachen, wie das Moralgesetz funktioniert (damit er die Macht der Sünde und ihre Verbindung zum Tod erkennt) musste Gott dieses Gesetz in einer Formel ausdrücken, die der Mensch versteht. Das geschah am Berg Sinai.

Eine Veranschaulichung

Sehen wir uns einmal eine Veranschaulichung an, die uns dabei helfen kann, das Gesagte besser zu verstehen. Nehmen wir einmal an, eine Gruppe von Menschen befindet sich auf der Spitze eines Berges, der auf jeder Seite einen Abgrund hat. Wenn man vom Berg aus hinunterblickt, verhindert eine dunkle Wolke die Sicht auf den Grund. Der Grund ist bespickt mit spitzen Felsen und Steinen.

Plötzlich erscheint ein fremder Mann aus dem Nichts und beginnt die Menschen davon zu überzeugen, dass dort unten, unter der dunklen Wolke, sich ein paradiesisch schönes Land befindet. Er erklärt, dass, wenn man den Abhang hinunter springt, nach der dunklen Wolke durch ein System watteweich aufgefangen wird und leicht wie eine Feder in diesem Paradies landet. Dieser seltsame Mann springt daraufhin selbst einmal hinunter und kehrt nach kurzer Zeit mit vielen exotischen Früchten in seinen Armen zurück. Das überzeugt die Menschen und sie fangen an, nacheinander hinunter zu springen.

Es ist jedoch ein anderer unter ihnen, der weiß, was unten auf sie wartet. Verzweifelt schreit und fleht er sie an, nicht zu springen. Er warnt sie vor den scharfen Felsen, die unten auf sie warten, doch vergeblich, die Menschen springen weiter. Schließlich zieht dieser warnende Mann eine Schusswaffe, stellt sich an den Abgrund und sagt: „Ich erschieße jeden, der springt!“ Einige wagen es dennoch und springen. Obwohl sie in ihren sicheren Tod springen, erschießt sie dieser Mann auf der Stelle.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Zuerst war es das Naturgesetz Schwerkraft, das durch den Aufprall alle tötete, die sprangen, doch nun ist es der Mann, der sie erschießt. Er hat ein anderes System aufgerichtet, bei dem sich alle einem Gebot beugen müssen oder ansonsten bestraft werden. Dieses neue System tritt nun anstelle des Naturgesetzes. Es ist nun ein Rechtsgesetz in Kraft getreten, welches besagt: „Du sollst nicht springen, sonst erschieße ich dich.“ Das Naturgesetz hingegen besagt: „Wenn du springst, wirst du infolge der Schwerkraft sterben.“ Das Naturgesetz ist ein höher stehendes Gesetz, das stets existiert, aber wegen der Unwissenheit und selbstzerstörerischen Art der Menschen, stellt dieser Mann, der die Wahrheit kennt, ein rechtliches System innerhalb des Naturgesetzes auf, um alle zu retten, die sich retten lassen. In Wirklichkeit tötet er ja nur die, die sowieso sterben würden, und indem er sie in seiner Gnade erschießt bevor sie vom Aufprall sterben, erreicht er dadurch ein paar positive Dinge:

  1. Er flößt den anderen, noch oben stehenden Menschen Furcht vor dem Springen ein. Dadurch gibt er ihnen die Gelegenheit weiterzuleben, in der Hoffnung, dass sie erkennen, was in Wahrheit unten auf sie wartet und dadurch der Charakter dessen, der sie betrogen hat, offenbar wird.
  2. Er verhindert die Todesqualen derer, die durch den Aufprall nicht sofort sterben, sondern zuvor noch leiden würden.

Natürlich haben die Menschen nun Angst vor dem Mann mit der Schusswaffe. Sie beschimpfen ihn als Tyrannen und suchen nach einer Gelegenheit zu springen, wenn er gerade nicht hinsieht. Sie verabscheuen seine Gegenwart und beschuldigen ihn, dass er sie von ihrem wahren Glück abhält, obwohl er in Wirklichkeit nur ihr Wohlergehen im Auge hat.

Erkennst du die Parallele? Darum hat Gott um die ganze Sache einen rechtlichen Gesetzesrahmen gefasst und die notwendigen Strafen hinzugefügt. Als Gott die Gebote gab, sagte er in einem gewissen Sinne: „Wenn du springst, dann erschieße ich dich!“ Obwohl Sünde den Menschen tötet, erkannten sie es nicht und fürchteten sich deshalb auch nicht vor ihr. Sie akzeptierten ihren verdorbenen Lebenswandel und den darauf folgenden Tod als den normalen Lebensweg. Sie sahen keinen Grund dafür, Angst zu haben vor der Sünde oder an ihrem Lebensstil etwas zu verändern. Darum hat Gott ein rechtliches System errichtet, einen Rahmen, in dem er bei Übertretung des geschriebenen Gesetzes den Tod fordert. Nun fürchteten die Menschen die Sünde, weil sie sie mit dem Tod verbanden. Wenn sie nun versuchten sie aufzugeben, erkannten sie, wie sehr sie in ihrer Natur verankert war. Sie erkannten auch, dass sie übermenschliche Hilfe benötigten, wenn sie von ihrer Macht befreit werden wollten. So wurde das Gesetz ihr Zuchtmeister (Schulmeister), der sie zu Christus führte (Galater 3,24).

Da Gott diese Regeln aufgestellt hat und unter Androhung der Todesstrafe von allen Menschen Gehorsam fordert, wurde er von ihnen unglücklicherweise als das wahre Problem dargestellt. Die Menschen wären viel lieber Gott losgeworden, als ihre eigenen Sünden, und so zwängten sie sich unter seine Gebote und beschuldigten ihn dafür, dass alle sterben mussten, die sich seinen Regeln widersetzten. Die Wahrheit ist jedoch, dass es keinen Unterschied macht, ob Gott den Übertreter tötet oder nicht. Die Sünde tötet ihn letztendlich sowieso auf unvermeidliche Weise.

Betrachten wir einmal ganz kurz den Fall der vorsintflutlichen Menschen oder den der Bewohner Sodoms. Gott sandte im ersten Fall eine Sintflut, im zweiten Feuer, um ihre Generation auszulöschen. Was wäre aber mit den Menschen geschehen, wenn Gott dies nicht getan hätte? Nun, diese Generation wäre nach einigen Jahren sowieso gestorben! Die Sünde, die in ihnen wohnte, hätte sie genauso getötet, wie jeden anderen Menschen auch! Warum tötete Gott sie dann einige Jahre früher? Was machte das für einen Unterschied? Er tat es, um anderen Menschen ein Zeichen zu setzen, damit sie Angst bekommen vor der Sünde, aber auch um der Tiefe der Verdorbenheit, zu der die Sünde die Menschheit herabgestuft hatte, ein Ende zu bereiten.

Drei Ebenen

In der Einstellung und Beziehung zu Gott, stehen Menschen grundsätzlich auf drei Ebenen:

  1. Auf der ersten und niedrigsten Ebene glauben die Menschen: „Wenn ich Gott nicht gehorche, tötet er mich.“ Sie haben deshalb Angst vor Gott und versuchen ihn aus Angst vor Strafe zufrieden zu stellen. Das ist eigentlich das Niveau der heidnischen Religionen, doch sehr oft sehen wir in der Geschichte Israels, dass auch die Israeliten Gott aus dieser entstellten Motivation heraus anbeteten. Traurigerweise befinden sich viele „Christen“ auch heute noch auf dieser primitiven Verstandesebene. Für solche Menschen ist Gott das eigentliche Problem.
  2. Auf der zweiten Ebene glauben die Menschen, dass nicht Gott das Problem darstellt, sondern ihre Taten. Gott will sie eigentlich nicht töten, muss es aber letztendlich doch tun, wenn sie ihre Taten nicht ändern. Die Gerechtigkeit verlangt danach, dass er sie tötet. Diese Menschen haben zwar ein besseres Verständnis von Gott, aber sie erkennen das wahre Problem immer noch nicht. Sie sehen den Tod als eine notwendige Tat Gottes an, weil ihn die Gerechtigkeit dazu zwingt. Sie sehen das Problem in ihren Taten. All ihre Anstrengungen richten sich auf die Veränderung ihrer Werke oder Taten, um den Anforderungen des Gesetzes gerecht zu werden. Auf dieser Ebene denkt der Sünder, dass der Gerechtigkeit Genüge getan werden muss.
  3. Auf der dritten Ebene jedoch, haben wir es endlich begriffen. Es gibt nur ein einziges Problem: Die Trennung von Gott hat im Menschen eine Krankheit namens Sünde verursacht, die sein Leben allmählich auffrisst, böse Taten erzeugt und ihn tötet. Es ist also nicht ein aufgestelltes Rechtsgesetz, das den Tod des Sünders fordert, sondern ein Naturgesetz – das Gesetz der Konsequenz. Nun erkennen wir, dass das wahre Problem die mir innewohnende Sünde ist, und dass nicht nur meine Taten verändert werden müssen, sondern meine gesamte Natur. Ich muss nach Leben suchen und zwar in dem einzigen, der diese Veränderung in mir bewirken kann. Auf dieser Ebene handelt der Gläubige endlich nach dem Grundsatz: „Gerechtigkeit durch den Glauben.“

Wir müssen all das verstehen, denn, solange unser Verständnis auf der zweiten Ebene stehen bleibt, betrachten und erfahren wir unsere Beziehung zur Sünde und zu Gott stets in einem gesetzlichen Rahmen. Dann verbinden wir Sünde mit den Details des Gesetzes, Erlösung mit dem Gehorsam gegenüber dem Gesetz und Gottes Wohlwollen und das Leben selbst mit dem Gesetz. In Wirklichkeit ist das die Grundlage des sog. Legalismus (Gesetzlichkeit) – Erlösung und Leben auf der Grundlage meiner Beziehung zu Regeln und Geboten.

Nicht meine Werke, meine Natur

Wenn wir auf der dritten Ebene angekommen sind, wenn wir nicht mehr Unmündige oder Knechte, sondern Söhne sind (Galater 4,3.7), verstehen wir es endlich. Das wahre Problem ist nicht das, was ich tue. Es geht nicht um meine Werke, sondern um das, was ich bin. Das Problem ist meine Natur. Ich erkenne, dass Gott nicht meine Werke verändern will, sondern mir ein neues Herz, eine neue Natur schenken möchte, wodurch auch meine Werke verändert werden. Nun habe ich keine Angst mehr vor Gott, auch nicht mehr vor meinen Taten, sondern vor mir selbst! Jetzt strenge ich mich nicht mehr an, um meine Werke zu verändern, sondern suche von ganzem Herzen Christus zu finden und mich ihm durch den Glauben völlig zu übergeben, weil er allein fähig ist, meine Natur zu verändern! Es sind weder Gott  noch Gerechtigkeit, die meinen Tod fordern. Es ist meine sündenkranke Natur, die den Tod in mir bewirkt. Obwohl das Gesetz Gottes mich zu dieser Erkenntnis geführt hat, hat es keine Kraft mich zu verändern. Ich muss zu Christus kommen (nicht zu dem geschriebenen, sondern zu dem lebendigen Gesetz), um in ihm das Leben (Galater 3,24) und eine neue Natur zu erhalten.

Gott setzte die Kontroverse in einen Gesetzesrahmen. Er stellte Gesetze und Strafen auf, aber das ist nicht das ganze Bild, sondern nur „ein Bild im Bild“ – die zweite Ebene. Die Wahrheit finden wir auf einer höheren Ebene – nicht auf der Ebene des Rechtsgesetzes, sondern auf der Ebene des Naturgesetzes, wo wir uns mitten in den Prinzipien befinden, auf denen sich die Existenz des Universums gründet.