Ein bekannter Fernsehmoderator beschrieb Gott einmal als ein „blutrünstiges Wesen“. Der Grund dafür war, dass er nicht verstehen konnte, warum Gott selbst für das kleinste Vergehen den Tod des Sünders fordert und warum er in seiner Forderung so unbeugsam ist, dass er uns nur dann vergeben kann, wenn sein eigener Sohn an unserer Stelle stirbt. Er erklärte das so, dass Gott als Strafe den Sünder töten will, aber wenn es nicht der Sünder sein soll, so akzeptiert er es nur dann, wenn stattdessen sein eigener Sohn geopfert wird.

Dieser Mann befand sich offensichtlich in großer Dunkelheit, aber er hob ein Thema hervor, das mich viele Jahre lang beschäftigt hat. Ich habe viele Erklärungen gehört, aber keine von ihnen entsprach meiner Vorstellung von einem Gott unendlicher Gnade.

Ich hatte gehört, dass das Gesetz den Tod des Sünders fordert. Gerechtigkeit fordert, dass wenn ein Mensch am Leben bleiben soll, jemand anderer an seiner Stelle sterben muss. Es kann aber nicht irgendjemand sein, sondern es muss ein göttliches Wesen sein – jemand, der dem Gesetz gleichgestellt ist, nämlich der Gesetzgeber selbst.

„Das Brandmal der Sünde in die Seele kann nur durch das Blut des Versöhnungsopfers ausgelöscht werden. Kein geringeres Opfer war von Nöten, als das Opfer dessen, der dem Vater ebenbürtig ist. …“ (R&H, 3. Febr. 1891)

Meine Frage lautete jedoch: Welches Gesetz, welches Rechtssystem akzeptiert die Bestrafung eines Wesens für die Sünden eines anderen? Wen würde so etwas zufrieden stellen?

Ich möchte mit einem Beispiel erklären, was ich meine. Wenn ich meinem Sohn die Anweisung gebe, keine Frucht von meinem Obstbaum zu pflücken und er tut es dennoch, so muss ich ihm eine Strafe auferlegen, wenn meine Anweisung eine Bedeutung haben soll. Das tue ich aus zwei Gründen: Erstens, damit meine Autorität gewahrt bleibt, und zweitens, damit er für sein eigenes Wohl lernen kann, dass es wichtig ist mir zu gehorchen. Ungehorsam könnte für ihn in manchen Situationen große Probleme mit sich bringen. Wenn ich jedoch meinen Sohn bestrafe, sind es hauptsächlich diese zwei Punkte, die ich dabei im Auge habe. Es geht dabei niemals um Rache oder darum, den Durst nach Vergeltung in mir zu stillen oder gar darum, ihn dafür leiden zu lassen, dass er mir ungehorsam war. Ich würde zu meinem Sohn auch niemals sagen: „Wenn du eine Frucht von meinem Obstbaum pflückst, töte ich dich!!“ Die Strafe, die ich ihm auferlegen würde, hätte viel mehr einen rettenden und rehabilitierenden Wert. Sie hätte zum Ziel, aus ihm einen besseren Menschen zu machen und sein Leben zu bewahren und keinesfalls zu zerstören. Wenn es meinem Sohn aber wirklich Leid tun würde, was er getan hat und man ihm sogar richtig ansehen könnte, dass er seine Taten bereut, wäre es immer noch nötig ihn zu bestrafen? Müsste ich dann noch zu ihm sagen: „Nun, mein Sohn, ich sehe, dass es dir Leid tut, und ich möchte dir ja auch vergeben, aber ich kann es nicht, bevor jemand für deine Taten bestraft wird. Du bist mir trotz meiner Anweisung ungehorsam gewesen, und bevor ich dir nun vergeben kann, muss jemand bestraft werden. Da ich aber sehe, dass es dir Leid tut, werde ich nicht dich, sondern an deiner Stelle deinen Bruder bestrafen“? Wäre so etwas vernünftig?

Das ist ein Bereich im Erlösungsplan, der für mich zugegebenermaßen viele Jahre lang eine graue Zone war, und ich glaube, dass es vielen anderen Menschen ähnlich geht. Ich nahm an, dass es einen guten Grund für den Tod Christi geben muss, und glaubte, dass es nicht Gott sein kann, der nach seinem Blut verlangte, aber ich konnte den Grund dafür, warum es notwendig war, weder verstehen noch erklären. Ich bin jedoch sehr dankbar dafür, dass mich der Herr dazu geführt hat, Gerechtigkeit durch den Glauben zu studieren. Ich habe dadurch nämlich den Grund dafür erkennen können, warum das Ganze notwendig war. Nun kann ich viel besser verstehen und wertschätzen, wie wundervoll der Erlösungsplan eigentlich ist.

Legale Erdichtung?

Vor nicht allzu langer Zeit las ich im Internet eine Frage, die mich sehr neugierig machte. Die Frage war: „Ist das Evangelium eine legale Erdichtung?“ Der Grund für diese Frage ist folgender: Wenn ein Mensch an Christus glaubt (ihn als seinen Erlöser annimmt), so ist er gerechtfertigt. Das bedeutet, er wird für gerecht erklärt, Gott vergibt ihm seine Sünden und betrachtet ihn als genauso gerecht wie Christus selbst. Das allgemeine Christentum lehrt jedoch, dass der Mensch selbst in seiner Natur und seinen Werken nicht wirklich so gerecht wird wie Christus. Deswegen steht das Evangelium auch unter der Anklage eine „legale Erdichtung“ zu sein. Es wird zu einer rein gesetzesmäßigen Transaktion herabgestuft, bei der Gott „rechtlich“ annimmt, was eigentlich gar nicht wahr ist. Er nimmt uns als gerecht an, obwohl wir es gar nicht sind. Dabei werden Theorie und rechtliche Argumente wichtig, aber was mit der Realität unseres wahren Zustandes ist, wird völlig außer Acht gelassen!

Man muss ehrlich gestehen, dass diese Vorstellung ein Gottesbild darstellt, das dem heiligen König des Universums nicht gerade schmeichelt. Es stellt ihn so dar, als wäre er einer von diesen wortgewandten, schnell plappernden Anwälten, die Schlupflöcher im Gesetz zu ihrem Vorteil nutzen, um dadurch die Freisprache für die schlimmsten Verbrecher zu erreichen, die dann erneut auf die Gesellschaft losgelassen werden, nur damit sie ihre abscheulichen Verbrechen immer wieder verüben können. Soll das der beste „Erlösungsplan“ sein, den Gott sich ausdenken konnte? Geht es denn im Evangelium um theoretische Gesetzesargumente, oder eher um die praktische Befreiung des Menschen von Sünde?

In dem Leitartikel dieser Ausgabe (siehe erste Seite) haben wir die Tatsache festgestellt, dass es die Sünde ist, die den Menschen tötet. Der Umkehrschluss ist ebenfalls wahr, dass Gerechtigkeit Leben bedeutet. Wenn wir das einmal verstanden haben, erscheint der Tod Christi für uns plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Wie Leben übertragen wird

Zuerst einmal müssen wir uns über ein wichtiges Prinzip im Klaren sein: Wenn Gott einmal das Leben erschaffen hat, kann es nur noch durch Geburt oder, wie im Falle Evas, die aus der Seite Adams geformt wurde, durch Teilung weitergegeben werden. Jedes Wesen erhält seine grundlegende Natur bei seiner Geburt, die darüber entscheidet, was es ist, wie z.B. Hund, Katze, Löwe, Wolf, Mensch usw. Innerhalb des Rahmens seiner Natur entwickelt jedes Wesen einen Charakter, aber es ist die Natur, die die Art des Geschöpfs bestimmt.

Als menschliche Wesen werden wir alle sowohl mit einer geistlichen als auch mit einer körperlichen Natur geboren. Alle, die aus der Rasse Adams sind, haben von Geburt an einen von Sünde geschwächten, zerbrechlichen, degenerierten und sterbenden Körper (sündhaftes Fleisch) und einen fleischlichen, sündenversklavten und gottlosen Geist (fleischliche Gesinnung). Keine menschliche Fakultät, sei es Medizinwissenschaft, Psychologie, Erziehung, Resozialisierung, Religion usw. kann diese körperliche oder geistliche Natur verändern. Obwohl der Mensch versucht, ihre Auswüchse unter Kontrolle zu bekommen oder zu verbergen. Die Natur kann also nur durch Geburt weitergegeben werden! Die Natur bei der Geburt des Menschen ist geistlich tot. Die Bibel beschreibt ihn als „tot in Übertretungen und Sünden“ (Epheser 2,1.5). Er wird auch mit einem sterbenden Körper geboren. Wenn der Mensch der Macht dieses doppelten Todes (körperlich und geistlich), der in ihm ist, jemals entkommen soll, muss er von neuem geboren werden! Denn vergessen wir nicht: Jede Natur kann nur durch Geburt weitergegeben werden! Man kann sich keine Natur aneignen, wenn man jemand anderen kopiert oder nachahmt.

Eine neue Lebensquelle

Wenn eine Geburt stattfindet, muss es auch eine ursprüngliche Lebensquelle geben. Wenn ein neues Leben entstehen soll, muss es immer jemanden geben, der dieses Leben zeugt bzw. weitergibt. Das ist auch das Prinzip der Neugeburt. Wenn jemand eine neue Natur bzw. ein neues Leben erhalten möchte, braucht er zuvor eine Lebensquelle – jemanden, der dieses neue Leben in sich hat. Dieses neue Ursprungsleben muss jedoch die Qualität und alle wichtigen Charaktereigenschaften der neuen Natur beinhalten. Sie müssen zuerst ein Teil des elterlichen Lebens sein, bevor sie an den Nachkommen weitergegeben werden können.

Was wollte Gott für den Menschen tun? Er wollte ihm ein Leben geben, in dem Sünde ein besiegter und zerstörter Feind ist, ein Leben, das sich von Natur aus so zu Gott und seiner Gerechtigkeit wendet, wie die Sonnenblume zur Sonne. Nur, wenn der Mensch solches Leben empfängt, kann er von dem schrecklichen Schicksal, das – durch das Leben, das er von Adam erhalten hat – auf ihm lastet, erlöst werden.

Genau das hat Gott in Christus getan. Jesus ist zum zweiten Adam (zum zweiten Prototypen der Menschheit) geworden. Er ist der „Ewig-Vater“ (Jes. 9,5) einer neuen Menschheit. Er kann sein Leben, in dem Sünde besiegt und zerstört und Gerechtigkeit eine natürliche Wirklichkeit ist, weitergeben. Doch um solch ein Leben zu besitzen, um es weitergeben zu können, musste Jesus erst einmal einige Kriterien erfüllen:

  1. Er musste zunächst die Sünde auf sich nehmen, ihre Macht erfahren und sie besiegen und zerstören. Nur so konnte er ein siegreiches Leben an seine Nachkommen weitergeben.
  2. Er musste ein göttliches Wesen sein, jemand, der von Natur aus eins ist mit dem Gesetz – dessen Natur das lebendige Gesetz ist. Nur dann könnte er eine Natur weitergeben, in der Harmonie mit dem Gesetz eine vollkommene und natürliche Wirklichkeit ist. Ein Engel hätte Anweisungen geben können, wie das Gesetz am Besten gehalten werden soll. Er hätte uns sogar ein Beispiel davon geben können. Doch nur der Gesetzgeber – das lebendige Gesetz selbst – kann eine Natur weitergeben, in welcher die tiefen Prinzipien des Gesetzes eingewoben sind.

Jesus ist genau solch ein Erlöser – der Einzige, der diese Kriterien vollkommen erfüllt! Wenn man die Vollkommenheit des Erlösungsplanes betrachtet, erfüllt es einen mit Erstaunen. Jesus musste vollkommen Mensch sein, sonst hätte er unsere Sünde nicht auf sich selbst nehmen können, um sie zu zerstören. Zur selben Zeit konnte die Erlösung jedoch nicht von jemandem kommen, der lediglich ein Sohn Adams war. Durch das Vererbungsgesetz konnte Adam lediglich Sünde und Tod an seine Nachkommen weitergeben. Wäre Jesus nur ein Sohn Adams, hätte er seinerseits ebenfalls nur Sünde und Tod weitergeben können. Um ewiges Leben geben zu können, musste er aber von außerhalb dieser Welt sein. Er musste von einer ganz anderen Rasse abstammen, um ein neues Element in die Menschlichkeit hineintransferieren zu können. Mehr noch, Jesus musste vollkommen göttlich sein! Nur als ein Gott ebenbürtiges göttliches Wesen konnte er ein Leben vollkommener Gerechtigkeit weitergeben – ein Leben, das nicht nur Gesetzen gehorcht, sondern in sich selbst (von Natur aus) rein, gerecht und heilig ist.

Zur Sünde gemacht

Darum sagt uns das Wort Gottes:

„Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gottes Gerechtigkeit würden.“ (2.Kor. 5,21 – Luther 1998)

Beachte, was das Wort Gottes sagt. Das ist viel kraftvoller ausgedrückt, als zu sagen, dass Jesus für unsere Sünden starb. Dieser Vers sagt, dass er für uns zur Sünde „gemacht“ wurde. Wie war das für ein sündloses Wesen möglich? Wie wurde er zur Sünde gemacht? Petrus drückt dasselbe so aus:

„der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat in seinem Leibe auf das Holz…“ (1.Petr. 2,24)

Verstehen wir die wahre Natur der Sünde nicht richtig, dann missverstehen wir auch diese Aussage immer wieder. Einige glauben, dass er deswegen zur Sünde gemacht wurde und unsere Sünden trug, weil er einfach nur einen schwachen und degenerierten menschlichen Körper besaß. Andere wiederum beschränken Sünde auf die Tat der Übertretung des Gesetzes und behaupten, dass er unsere Sünden in dem Sinne trug, dass alle schlechten Taten, die jemals in der Geschichte der Menschheit begangen wurden, auf eine mysteriöse Art und Weise zusammengehäuft und auf Christus gelegt wurden. Wenn wir jedoch ein rechtes Verständnis davon haben, was Sünde in Wirklichkeit ist, beginnen wir plötzlich auch zu begreifen, was geschah, als Jesus für uns zur Sünde wurde. Plötzlich macht alles Sinn. Wir erkennen auf einmal die wundervolle Wahrheit, die zugleich schrecklich aber dennoch erstaunlich ist.

Die Wurzel aller Sünde ist Unglaube, dessen Ergebnis Trennung von Gott ist. In jedem Wesen, das jemals die Trennung von Gott erlebte – ob Luzifer und die gefallenen Engel oder Adam, Eva und ihre Nachkommen – endete diese Trennung von Gott in jedem einzelnen Fall in der unmittelbaren Offenbarung von Sünde, d.h. in der Ausführung einer sündigen Tat. Es ist wichtig, die Schritte bei diesem Vorgang des Abfalls zu verstehen, um völlig begreifen zu können, was geschah, als Jesus unsere Sünden trug.

  1. Zuerst kommt Unglaube – der Widerwille, Gott zu vertrauen.
  2. Das resultiert wiederum in der Trennung von Gott.
  3. Die sofortige Konsequenz ist eine durch und durch selbstsüchtige Natur.
  4. Das natürliche und unvermeidbare Ergebnis ist die Ausführung sündiger Taten.

Man bezeichnet jede dieser Phasen als Sünde, weil sie alle in Verbindung zueinander stehen und jede Phase entweder eine Ursache oder ein Ergebnis ist.

Die am meisten vertretene Ansicht ist, dass Jesus lediglich die letzte Phase der Sünde (die sündigen Taten) auf sich nahm, als er „unsere Sünden trug“. Doch da er selbst nie eine einzige sündige Tat ausführte, so muss damit einfach nur die Strafe der Sünden, die er trug, gemeint sein. So schlussfolgert man, dass, als Jesus unsere Sünden trug, Gott jede einzelne schlechte Tat, die jemals in der Geschichte der Welt begangen wurde, zusammengehäuft und die Strafe für dieselben auf Jesus gelegt hat. Das wiederum stellt die Erlösung als eine rein rechtliche Angelegenheit dar, die lediglich mit „Papierkram“ und „Buchhaltung“ zu tun hat. Jesus trägt demnach die Strafe, wodurch er uns entlastet und Gott die Bücher wieder rechtmäßig ausbalancieren kann. Man betrachtet die Sünden, die Christus trug, nicht als Wirklichkeit, die sich dynamisch auf unser Leben, in dem wir existieren, auf eine praktische Art und Weise auswirken.

Es war jedoch unsere Sünde, die Gott auf Christus legte und nicht nur ihr Endergebnis (sündige Taten), auch nicht die dritte Phase von Sünde (die selbstsüchtige Natur). Es war die Sünde in ihrem ursprünglichen Zustand und grundlegenden Prinzip. Natürlich verlor Jesus keine Sekunde lang seinen Glauben an Gott. Er wählte nie seinen eigenen Weg (erste Phase), warum er sich auch nie von Gott trennte (zweite Phase). Gott aber „warf unser aller Sünde auf ihn“ (Jes. 53,6). Gott legte die zweite Phase (Trennung von Gott) auf Christus. Er musste das tun, damit Christus das Sündenprinzip zerstören konnte!

Als Gott sich von seinem Sohn zurückzog, erlitt Jesus die volle Konsequenz von Sünde.

„Der fleckenlose Sohn Gottes nahm die Last der Sünde auf sich. Er, der eins war mit Gott, fühlte in seiner Seele die furchtbare Trennung, die durch die Sünde zwischen Gott und den Menschen entstanden war. Das zwang von seinen Lippen den bitteren Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Matthäus 27,46. Das Gewicht der Sünde, das Gefühl ihres schrecklichen Ausmaßes und ihre Trennung der Seele von Gott – das brach das Herz des Sohnes Gottes.“ (Der Weg zu Christo, S. 11)

Sünde verdammt im Fleisch 

Der Schmerz dieser Trennung war mehr als Christus ertragen konnte, und es brach ihm das Herz. Doch betrachten wir einmal, was Christus eigentlich tat. In jedem anderen Wesen, das jemals diese Trennung von Gott erlebte, war das Ergebnis stets Selbstsucht gewesen. Unmittelbar darauf folgte die dritte Phase. Der Wunsch nach Selbsterhaltung wurde sofort zum vorherrschenden Prinzip des Herzens. Selbst Adam, dessen ganze Freude einst Eva gewesen war, war nach dem Sündenfall und der Trennung von Gott sofort bereit sie anzuklagen, um seine eigene Haut zu retten!

Gott verließ Jesus und sogleich kam ein Schrecken großer Dunkelheit über ihn. Ohne die tröstende Sicherheit des Geistes Gottes sah plötzlich alles unsicher und bedrohlich aus. Selbst die Prophetien, die sich auf seine Auferstehung bezogen, waren nun unklar und unwirklich geworden. Der Gedanke zwängte sich seinem verwirrten Verstand auf, dass sein Tod vielleicht für immer sein würde. Denken wir daran, dass Jesus sich nicht in seinem bequemen Schlafzimmer befand und die Bibel studierte, während der heilige Geist seinen Verstand erleuchtete. Er war ein schrecklich leidendes, gefoltertes menschliches Wesen, wahrscheinlich seit vierundzwanzig Stunden des Schlafes beraubt, der unter viel Blutverlust kurz davor stand, in einen Haluzinationszustand zu fallen und nun auch noch – was das Schlimmste für ihn war – vom Geist Gottes verlassen wurde! Es gab keine Lichtstrahlen, die seinen Geist erleuchtet hätten, keinen Tröster, der ihm die Prophetien mit neuer Kraft ins Gedächtnis hätte zurückbringen können, und Satan bestürmte ihn immer wieder mit heftigen Wellen des Zweifels.

Das logische, natürliche und dem Anschein nach unvermeidbare Ergebnis wäre, dass Jesus zur dritten Phase auf dem Weg der Sünde übergehen und selbstsüchtig werden und versuchen würde, sein Leben zu retten. Jedes andere Wesen im Universum hätte so reagiert. Selbst der heiligste Engel wäre in solch einer Situation gefallen. Doch Jesus war vollkommen göttlich. Er war Gottes eingeborener Sohn, von derselben reinen, heiligen und selbstlosen Natur Gottes. Selbst als ihm seine Macht genommen war, ja, sogar als der heilige Geist ihn verlassen hatte und die Hoffnung dahin war, konnte er nicht aufhören, er selbst zu sein. Er konnte nicht selbstsüchtig werden, weil er von Natur aus Gott war und Gott vollkommen gut ist! Dank sei dem Herrn!

Anstatt sich zu sich selbst zu wenden, in die nächste Phase der Sünde überzugehen und sich dem Prinzip Satans zu beugen, starb Jesus der Sünde. Er widerstand der Sünde in sich selbst, ja, sogar bis zum Tode und vernichtete die Sünde für immer im menschlichen Fleisch.

„Gott…sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch.“ (Rö. 8,3)

In seinem menschlichen Fleisch verdammte Jesus die Sünde. Er nahm sie auf sich und verdammte sie. Nun gibt es eine Menschheit, in der die Sünde vernichtet ist – eine Menschheit, in der die Feindschaft zwischen Gott und dem Menschen abgetan ist. Es gibt ein menschliches Leben, über das Sünde keine Herrschaft mehr hat – ein Leben, in dem Sünde ihr Bestes versucht hat und besiegt und zerstört wurde. Wo befindet sich dieses Leben? Wo ist diese Menschheit? Sie befinden sich im zweiten Adam, der neuen Kreatur – in Jesus Christus (1.Joh. 5,11).

„So ist nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“ (Rö. 8,1)

Die Sünde in uns verdammte uns und bewirkte den Tod in uns. Die Trennung von Gott bewirkte eine selbstsüchtige Natur und selbstsüchtige Taten. Doch Jesus nahm diese Verdammnis auf sich selbst, er trug den Fluch in seinem eigenen Körper (Gal. 3,13) und zerstörte die Verdammnis im Fleisch. Das ist das Leben, mit dem Jesus nun alle, die da glauben, erfüllt. Ein Leben, in dem die Trennung von Gott, Selbstsucht und eigennützige Taten ausgelöscht sind. Das ist der Grund dafür, dass Jesus sterben musste.

In jedem menschlichen Wesen ist ein Naturgesetz am Werk, das ihm von Adam eingepflanzt und vererbt wurde. Die Bibel nennt dieses schreckliche Gesetz, „das Gesetz der Sünde und des Todes“. In Römer 7,14-24 beschreibt der Apostel Paulus, wie dieses Naturgesetz arbeitet. Kein Mensch kann aus eigener Kraft oder durch irgendeine menschliche Erfindung die Auswirkung dieses Gesetzes verhindern oder überwinden. Es ist ein Prinzip, das im Leben aller, die von Adams Rasse abstammen, eingebaut ist. Es ist ein Naturgesetz. Regeln und Vorschriften können ein Naturgesetz weder ausschalten noch überwinden. Die zehn Gebote – Gottes Gesetz in schriftlicher Form – stehen dem Problem hilflos gegenüber. Das geschriebene Gesetz ist nie die Antwort, weil das Gesetz durch das Fleisch geschwächt ist (Rö. 8,2). Im Fleisch regiert ein stärkeres Gesetz als das geschriebene Gesetz Gottes. Es wäre gerade so, als würde man einem Menschen, der in die Luft springt, gebieten wollen, nicht wieder nach unten zu fallen, sondern nach oben. Derartige Gebote wären sinnlos. Sie könnten das Naturgesetz Schwerkraft niemals außer Kraft setzen, ganz gleich wie lange man flehen, drohen oder der Mensch es versuchen würde, nach oben zu fallen. Wenn ein Naturgesetz überwunden werden soll, muss es durch ein stärkeres Naturgesetz außer Kraft gesetzt werden.

Die Schwerkraft ist ein Naturgesetz, das alle Dinge an die Erde fesselt. Schwerkraft kann jedoch durch das Gesetz der Aerodynamik überwunden werden. Es ist ein anderes Gesetz, das einen Menschen dazu befähigt, der Schwerkraft zu trotzen. Es geschieht täglich, wenn Menschen mit dem Flugzeug fliegen. Man kann die Schwerkraft also überwinden, indem man sie durch ein stärkeres Gesetz außer Kraft setzt. Obwohl es dem Menschen unmöglich wäre aus eigener Kraft dem Gebot, nach oben zu fallen, zu gehorchen, wäre es ihm dennoch möglich, wenn er das Gesetz der Aerodynamik anwenden würde.

Das Gesetz des Geistes

Das Wort Gottes sagt deshalb:

„das Gesetz des Geistes des Lebens (Naturgesetz – das Gesetz der gerechten Natur Christi) in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es schwach war durch das Fleisch, das tat Gott und sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch.“ (Rö. 8,2.3)

Das Gesetz der Sünde und des Todes herrschte in meinem Geist und ich war hilflos und konnte ihm nicht widerstehen. Die zehn Gebote konnten mir keine Kraft geben, es zu überwinden. Es existiert jedoch ein anderes Gesetz, das Gesetz des Geistes des Lebens. Wo befindet sich dieses Gesetz? Es ist in Christus Jesus! Es kann allein in Christus gefunden und erfahren werden. Gott setzte ein anderes Naturgesetz ein, um das erste Gesetz außer Kraft zu setzen. Diejenigen, die durch den Glauben dieses Naturgesetz erleben, erfüllen die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit. Sie sind geistlich gesinnt, haben Leben und Frieden, ihre Leiber sind der Sünde gestorben und lebendig zur Gerechtigkeit – sie sind die Söhne Gottes (Rö. 8,4-14).