Jesus sagte: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten“ (Joh. 14,15). In den Händen eines religiösen Menschen werden diese Worte zu einer Anweisung mit Bedingung: Du musst die Gebote Jesu halten um deine Liebe zu ihm zu beweisen. Das Problem damit ist jedoch, dass die Gebote Jesu unmöglich zu halten sind. Wie wir im letzten Eintrag gesehen haben, sagt Jesus, dass jeder, der seine Gebote hält, „der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun“. Jesus heilte die Kranken und weckte Tote auf. Kannst du das auch? Aus uns selbst ist das unmöglich, aber das ist schon in Ordnung. Weißt du warum? Jesus hat einen Plan. In den darauf folgenden Versen erklärt er ihn:

„Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit.“ (Joh. 14,16)

Wer ist der Tröster? Er ist der heilige Geist, die persönliche Gegenwart Christi, die uns befähigt das Evangelium vom Reich Gottes zu predigen und zu demonstrieren (Röm. 15,19). Beachte, dass der heilige Geist nicht kommt und geht. Jesus sagt, „dass er bei euch sei in Ewigkeit“! Jesus erklärt weiter seinen Jüngern, dass sie an dem Tag, wo der heilige Geist gegeben wird, etwas erkennen werden:

An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.“ (Joh. 14,20)

weinstockDas ist die wundervollste und erstaunlichste Sache der Welt! Das ist das Geheimnis, dass Paulus den Heiden klarmachen wollte: Christus ist in dir! Und du bist in ihm! Brauchst du ein Bild um diese Wahrheit besser zu verstehen? Dann schau dir das Bild auf der rechten Seite an…

Jesus sagt, dass er der wahre Weinstock und wir die Reben sind. Schau dir das Bild an und zeichne in Gedanken einen Kreis um die ganze Pflanze. Siehst du irgend welche Reben, die nicht ein Teil der Weinpflanze sind? Der Weinstock ist größer als jede Rebe, aber es gibt keine Rebe, die nicht ein Teil des Weinstocks wäre. Berühre eine der Reben und du berührst damit auch den Weinstock. Hudson Taylor, ein christlicher Missionar aus dem 19. Jhdt. beschrieb es so:

„Hierin liegt meiner Meinung nach das Geheimnis: mich selbst nicht zu fragen wie ich den Saft des Weinstocks in mir aufnehmen kann, sondern mich daran zu erinnern, dass Jesus der Weinstock ist – die Wurzel, der Stock, die Reben, die Zweige, die Blätter, die Blüten, die Frucht, alles in allem… Ich muss mich nicht zur Rebe machen. Der Herr Jesus sagt mir, dass ich eine Rebe bin. Ich bin ein Teil von ihm und ich muss es lediglich glauben und dementsprechend handeln.“ (The Normal Christian Life, S. 56)

Jesus weiß, dass du keine Frucht bringen kannst: „Keine Rebe kann Frucht bringen aus sich selbst“ (Joh. 15,4). Stattdessen plant er seine Frucht zu bringen durch uns. Was ist unser Teil dabei? Er will, dass wir in ihm bleiben, also in ihm leben und diesen Ort nicht verlassen. Es bedeutet sich nicht von ihm loszulösen, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen und aus eigener Kraft als Christ leben zu wollen. Was ist sein Teil? Er plant sein Leben durch uns auszuleben und dort weiterzumachen, wo er aufgehört hat: Er will Kranke heilen, Gefangene entfesseln, Besessene befreien und alle anderen Werke des Reiches Gottes tun, die er getan hat, als er im Fleisch war (Mk. 16,17-18).

Bist du eine Rebe ohne Frucht?

Was geschieht mit Reben, die keine Frucht bringen? Laut der rev. Lutherübersetzung werden sie „weggenommen“ und laut der HfA werden sie „abgeschnitten“. Ist das wirklich so, oder geben diese Übersetzungen nicht das wieder, was Jesus eigentlich sagen wollte? Ich tendiere dazu zu glauben, dass Jesus etwas anderes ausdrücken wollte – etwas, was die Gnade Gottes auf erstaunliche Art und Weise zum Vorschein bringt.

Jesus sagt nicht, dass sein Vater die Reben „abschneidet“, die keine Frucht bringen, sondern, dass er sie „hochhebt“ (Joh. 15,2). Ein mediterraner Zuhörer hätte Jesus mit Sicherheit korrigiert, wenn Jesus gesagt hätte, dass die fruchtlosen Reben von seinem Vater „abgeschnitten“ würden. Ein Winzer würde niemals eine Rebe wegwerfen, denn das würde eine Amputation eines Teils des Weinstocks bedeuten. Wenn du gerade an Seitentriebe (Geiztriebe) denkst, dazu gleich mehr. Keine Frucht bringende Reben werden von der Erde hochgehoben, damit sie von der Sonne genährt werden können. Um bei diesem Sinnbild zu bleiben: Der Grund dafür, dass einige Christen kahl und fruchtlos bleiben, ist, dass sie mit dem Gesicht nach unten im Dreck liegen und nicht auf die Sonne der Gerechtigkeit, den Sohn Gottes, schauen. Sie sind beschäftigt, abgelenkt, gestresst und haben sich von ihrer „protos agape“, ihrer ersten Liebe entfernt. Wenn Gläubige die Liebe Christi aus den Augen verlieren, neigen sie dazu religiös und gesetzlich zu werden, wie die Epheser. Als nächstes fangen sie an zu glauben, dass sie Dinge tun müssten, wie die Gebote halten, um ihre Liebe zu beweisen oder Gottes Liebe zu verdienen.

Das griechische Wort „airo“, das manchmal in Joh. 15,2 als „abschneiden“ oder „wegnehmen“ übersetzt wird, kann auch bedeuten: „aufnehmen“, „erhöhen“, „hochheben“. Hier sind einige Beispiele, wo Jesus dasselbe Wort woanders gebraucht:

„Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ (Mt. 16,24)

„Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden.“ (Mk. 16,18)

„Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“ (Joh. 5,8)

Es macht genauso viel Sinn sein Bett abzuschneiden und hinzugehen, wie einen fruchtlosen Teil des Weinstocks abzuschneiden.

Kurz etwas zu den Seitentrieben, die auch „Geiztriebe“ genannt werden: Geiztriebe werden in den meisten Fällen sehr wohl vom Weinstock abgeschnitten. Ich habe ein wenig nachrecherchiert und gemäß einiger Quellen im Internet sind Geiztriebe separate Weinstöcke, die aus dem Hauptstock herauswachsen und mit ihm rivalisieren. Ist es das, was Jesus meint? Vielleicht. Aber warum sagt er dann, dass der Vater „jede Rebe an mir“ abschneidet, die keine Frucht bringt? Ein Geiztrieb wäre keine „Rebe an mir“. Er ist in jedem Falle ein rivalisierender Weinstock.

Es ist wahr, dass einige Winzer Geiztriebe auch als „überschüssige Äste“ bezeichnen, die sie früh in der Wachstumssaison abgeschnitten werden um die Belastung vom Weinstock wegzunehmen und für die übrigen Reben eine reiche Ernte und große Trauben zu sichern. Doch der Punkt ist, dass solche Geiztriebe manchmal auch dann entfernt werden, wenn sie Trauben tragen. Frucht oder keine Frucht, sie werden abgeschnitten um den Wünschen des Winzers zu entsprechen. Das passt aber so gar nicht mit der Beschreibung Jesu zusammen, weil er die Reben ausschließlich darin unterscheidet, ob sie Frucht bringen oder nicht.

Doch all das ist nebensächlich. Der Hauptgedanke ist, dass er der Früchtemacher ist, nicht wir. „Keine Rebe kann aus sich selbst Frucht bringen.“ Wir tragen die Frucht, die er produziert und das zur Ehre des Vaters. Wenn wir keine Frucht bringen, dann deshalb, weil wir ihm nicht erlauben sein fruchtbares Werk in uns zu tun. Wir stehen ihm im Weg sozusagen. Wir müssen aufhören uns anzustrengen selbst Frucht zu bringen und müssen stattdessen in ihm ruhen. Das ist genau das Gegenteil von der Botschaft, die man von denen hört, die Christen dazu drängen eigene, unheilige Früchte zu ihrer eigenen Ehre hervorzubringen.

Was ist die Medizin für unfruchtbare Reben? Gott! Er ist der Weingärtner, der sie aus dem Schmutz hochhebt. Er ist nicht da um abzuschneiden und zu verbrennen, sondern um zu reinigen und hochzuheben. Das Verbrennen geschieht nur dann, wenn die Rebe selbst entscheidet sich vom Weinstock zu trennen und deshalb zu Boden fällt. Dann bleibt dem Vater nichts weiter übrig, als am Ende die vertrockneten Reben mit Tränen in den Augen zusammenzusammeln und zu verbrennen. Deshalb sagt Jesus: „bleibt in mir“ (Joh. 15,4).

Ein entstelltes Gottesbild

Aber hier ist der Knackpunkt: Angenommen Jesus hat in Joh. 15,2 wirklich „abschneiden“ gemeint. Dann haben wir zwei Gruppen von Reben:

  1. Christen (Reben), die sich nicht von Christus (Weinstock) trennen wollen – die also in ihm bleiben wollen – aber zeitweise durch Entmutigung, Ablenkung, Sorgen, Stress usw. Christus aus den Augen verlieren und deshalb keine Frucht bringen. Solche Christen scheinen in diesem Fall keine Hilfe vom Vater (dem Weingärtner) zu empfangen, sondern werden vielmehr mit Gewalt von Christus abgetrennt und weggeworfen. Denn beachte, dass sie immer noch mit Jesus verbunden sind (sie sind in ihm). Deshalb muss Gott sie absichtlich abschneiden und wegnehmen, weil sie sich immer noch in Christus befinden! Diese Vorstellung erzeugt im Christen Angst, die ihn unweigerlich zu einer Leistungsreligion zwingt um „Frucht zu bringen“, weil er sonst abgehauen wird.
  2. Christen, die selbst entscheiden nicht in Christus zu bleiben und vom Weinstock abfallen. In diesem Fall bleibt die Entscheidungsfreiheit des Menschen gewahrt. Wäre er in Christus geblieben, hätte Gott sich selbst darum gekümmert, dass in seinem Leben Früchte erscheinen. Da er sich aber selbst entscheidet von Christus abzufallen, respektiert Gott seine Entscheidungsfreiheit, worin sich wieder seine Liebe offenbart. In diesem Fall ist nicht Gott der Grund für die Trennung des Menschen von Christus, sondern der Mensch selbst. Dies ergibt ein viel klareres Bild und harmonisiert viel besser mit dem Evangelium der Gnade.

Wenn beide Punkte wahr sind, dann ergibt dieses Gleichnis Jesu keinen Sinn. Er schient dann sagen zu wollen: „Wenn du nicht bereit bist Frucht zu bringen, dann sieh zu, dass du gleich von mir abfällst, sonst wird dich mein Vater von mir abschneiden!“ Das passt einfach nicht. Entweder – oder!

Er produziert die Frucht, nicht du. Wenn du beginnst Frucht zu bringen, dann ist es zu seiner und nicht deiner Ehre. Wenn du abgelenkt worden bist von toten religiösen Werken, dann hör damit jetzt auf und komm zurück zu deiner ersten Liebe, die nichts anderes ist als seine Liebe. Seine Liebe ist wie Nahrung für uns, durch die wir Kraft und Energie erhalten. Ich mag mir einreden, dass ich diese Artikel aufgrund meiner Liebe zu ihm schreibe, aber in Wahrheit ist es seine Liebe zu mir, die mich dazu drängt anderen die gute Nachricht zu bringen. Ich würde ihn nicht lieben, wenn er mich nicht zuerst geliebt hätte (1.Joh. 4,19).

Gott glaubt an dich

Als Jesus sagte: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten“, sprach er keine Drohung aus, sondern eine Verheißung! Er will damit sagen: „Wenn du mich liebst, dann wirst du die Werke, die ich getan habe, und noch größere als diese tun, weil ich sich durch dich tun werde. Vertraue mir! Glaube an mich! Bleibe in mir!“ Warum sagt Jesus, dass wir noch größere Werke tun werden? Weil Christus vor Pfingsten durch seine Menschlichkeit an einen Ort gebunden war, aber jetzt in seiner verherrlichten Form überall gegenwärtig ist. Damals war er nur ein „Wurzelspross“ (Jes. 53,2), aber heute ist er ein gewaltiger Weinstock, dessen Reben überall hin reichen. Damals lebte Gott nur in einem einzigen Menschen, doch jetzt lebt er in Millionen von Männern, Frauen und Kindern überall auf der Welt, und er will aus ihnen in die Welt hinausströmen! Was sind die größeren Werke? Es sind die Werke Jesu, die überall auf der Welt jeden Tag aufs Neue Millionen Male ausgeführt durch gewöhnliche Reben, wie du und ich.

Es ist erstaunlich, dass Gott auf diese Art und Weise wirkt: durch Menschen! Es ist so, als würde Gott sagen: „Ich glaube an dich. Ich bin zuversichtlich, dass du in meiner Liebe ruhen und mir erlauben wirst mich dir und durch dich zu offenbaren.“ Fleischliche Religion sagt, dass es in allem nur um dich und deinen Glauben geht, weshalb du besser anfangen solltest zu leisten. Doch das Evangelium der Gnade sagt, dass es nur um Jesus und seinen Glauben geht, also ruh dich aus! Paulus verstand dies, und deshalb sagte er auch: „Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat“ (Gal. 2,20).

Reben können keine Frucht bringen, aber Weinstöcke hingegen schon und das ganz natürlich und ohne Anstrengung. Als eine Rebe hast du die Natur des wahren Weinstocks in dir und er wird seine Früchte bringen durch dich. Das hat er versprochen! Glaubst du ihm?

An diesem Punkt möchtest du sicherlich, dass ich dir sage, was du tun sollst. „Was gibt’s zum Mitnehmen? Was muss ich tun?“ Wir Christen sind so sehr darauf programmiert „Gott zu dienen“, dass wir gar nicht wissen, was wir mit Jesus anfangen sollen, wenn er einfach nur sagt: „Bleibe in mir!“ Okay, hier ist etwas, was du tun kannst. Schreib dir das auf. Das nächste Mal, wenn du vor einer Prüfung oder einem Problem stehst, halte einen Moment lang inne und lass die Liebe Jesu in dich hinein. Erlaube dem, der dein Haupt emporheben kann, deinen Blick von der Erde wieder zurück auf ihn zu lenken, und dann sonne dich in seiner Liebe. Er scheint bereits über dich auf dich herab. Er ist bereits gnädig zu dir gewesen und hat dich gesegnet indem er dir seinen Frieden geschenkt hat. Empfange ihn!

„Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh. 15,9)