Viele Christen sind allzu „korrekturfreudig“. Sie lieben es andere zu konfrontieren und sie für ihre Fehler zurechtzuweisen. Das ist auch kein Wunder, da viele der religiösen Leiter, deren Beispiel sie folgen, ihnen eben diese Einstellung vorleben.

Sie kennen die Schrift gut, haben ihre Waffe (die Zunge) geladen und entsichert und sind bereit mit Argumenten und Bibelversen um sich zu schießen. Zu ihren Lieblingsversen gehören Sprüche 9,8; 12,1; 13,1 usw., die sinngemäß ausdrücken, dass der Spötter die Zurechtweisung hasst aber der Weise sie liebt.

Wenn aber solche Christen in dem Herrn heranwachsen, machen sie manchmal schmerzhafte Entdeckungen. Sie beginnen zu erkennen, dass sie nicht wissen, wie sie einen anderen Gläubigen im Geist Jesu Christi zurechtweisen sollten. Sie bemerken, dass sie mit ihren „Korrekturversuchen“ ihrem Nächsten nicht helfen sondern nur schaden.

Ehrliche Christen entdecken früher oder später auch, dass Gott gar nicht will, dass sie jeden korrigieren, auch wenn sie offensichtliche Fehler und Makel in ihnen sehen (was nebenbei bemerkt keine große Gabe ist, oder etwas, worauf man stolz sein sollte). Dies führt nur zu Gesetzlichkeit und Selbstgerechtigkeit.

Es ist nicht unsere Aufgabe das Verhalten unserer Brüder und Schwestern in Christus unserer Erkenntnis anzupassen. Wir sollten uns vielmehr auf unseren eigenen geistlichen Wandel konzentrieren und nicht auf den der anderen (Jak. 4,11).

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass wir schnell einen Freund verlieren können, wenn wir ihn nicht im Geiste Christi zurechtweisen, wenn es der Herr von uns tatsächlich fordert.

Ein gekränkter Bruder ist abweisender als eine feste Stadt, und Streitigkeiten sind hart wie der Riegel einer Burg. (Spr. 18,19).

Ich erinnere mich, als ich einmal meine Schwester in den USA besuchte. Es dauerte nicht lange, bis unsere Wiedersehensfreude durch meine damals korrekturfreudige und selbstgerechte Einstellung zur bitteren Betrübnis verwandelt wurde. Meinen gesetzlichen Augen fiel etwas an ihrer Lebensweise auf, wofür ich sie so scharf zurechtwies, dass sie weinend das Zimmer verließ, während ich mich selbst dann noch im Recht glaubte. Bald darauf plagten mich aber üble Gewissensbisse, als der Geist Jesu mir signalisierte, dass ich etwas Schlimmes getan hatte.

Ich wünschte jemand hätte mich in meinen jungen Jahren als Christ gelehrt, wie eine Zurechtweisung aussieht, wenn sie in Christus geschieht.

Das ist der Grund für diesen Artikel.

Aus Fehlern gelernt

Obwohl dieser Artikel in keinster Weise eine ausführliche Darlegung dieses Themas darstellen soll, möchte ich dennoch in 14 Punkten versuchen zu erklären, wie man ein anderes Kind Gottes zurechtweisen sollte.

Ich möchte mich ganz besonders darauf konzentrieren, wie man versuchen sollte die Fehler, Schwächen und Taten eines Menschen zu korrigieren. Bevor man einen anderen Christen zurechtweist, sollte man zuvor folgende 14 Punkte beachten:

1. Gründe deine Zurechtweisung niemals auf Informationen aus zweiter Hand. Das sind die Dinge, die eine Person angeblich gesagt oder getan haben soll. Gehe stets direkt zu der Person selbst, um die du dir Sorgen machst. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man eine Zurechtweisung auf eine einseitige Geschichte basiert. Ich habe mich in meiner Vergangenheit leider auch dessen schuldig gemacht. Ich habe andere zurechtgewiesen und wurde auch selbst von anderen zurechtgewiesen, basierend auf den Informationen von nur einer der beteiligten Parteien. Es führt immer zu einer schmerzlichen Erfahrung, egal auf welcher Seite man steht.

2. Nur weil du die Fehler eines anderen siehst, hast du noch lange nicht das Recht sie hervorzuheben und die Person zurechtzuweisen. Die Fähigkeit die Fehler anderer zu erkennen ist keine Gabe. Wenn du es zu weit treibst, wirst du irgendwann die Quittung dafür empfangen. Die Bibel verurteilt die Fehlersuche bei anderen. (Judas 1:16).

3. Es gibt viele verletzte Christen, weil sie jemand auf eine Art und Weise zurechtgewiesen hat, die gegen Jesus Christus war.

4. Wenn du jemanden außerhalb der Gnade zurechtweist, wirst du ihre Freundschaft mit Sicherheit verlieren (Sprüche 18,19).

5. Deine geistlichen Instinkte (die Natur Jesu in dir) werden dich darin führen, wie du mit einem Vergehen umgehen sollst. Der eine Weg ist das Kreuz zu tragen, sich Unrecht antun zu lassen und Nachsicht zu üben (Kol. 3,13; Eph. 4,2; 1.Kor. 6,7; Matth. 5,39). Ein anderer Weg ist mit der Person persönlich zu sprechen und sie mit einem demütigen Geist zurechtzuweisen (Gal. 6,1; Matth. 18,16). Und wieder ein anderer Weg ist einen Mittler zu finden, der dir dabei helfen kann die Konflikte auszuräumen (1.Kor. 6,1-6).

6. Manchmal weisen Christen andere zurecht, wenn sie es nicht sollten; manchmal lassen sie aber auch ernsthafte Probleme ungehindert durchgehen, ohne die notwendige Zurechtweisung zu geben. Beide Fehler können schlimme Folgen haben (1.Kor. 5,1ff). Zum Beispiel, wenn jemand einen anderen verletzt, unterdrückt, belästigt, oder Lügen über ihn verbreitet. Dies einfach zu ignorieren wäre in so gut wie jedem Fall falsch.

7. Wenn dein Bruder oder deine Schwester etwas tut, was dich einfach nur stört (anstatt dich oder jemand anderen tatsächlich zu verletzen), dann solltest du dreimal darüber nachdenken, ob du diese Person zurechtweisen solltest.

8. Wenn du jemanden zurechtweisen möchtest, dann geh alleine zu ihm, wie es uns Jesus gelehrt hat… „zwischen dir und ihm allein“ (Matth. 18,15). Das erfüllt, was Jesus in Matth. 7,12 gelehrt hat: “Behandle andere genauso, wie du gerne behandelt werden würdest, wenn du in ihrer Lage wärst.“ Mit dem Problem zu anderen zu gehen (außer der Person, die du zurechtweist) ist nur dann gestattet, wenn die Person die Zurechtweisung ablehnt und weitersündigt (Matth. 18,16ff), oder wenn sie öffentlich gegen andere sündigt. Zum Beispiel wenn jemand in einem öffentlichen Forum Lügen über einen anderen verbreitet, dann sollte diese Person in diesem Forum auch öffentlich zurechtgewiesen werden.

9. Stell dir selbst folgende Fragen, bevor du einen anderen Gläubigen zurechtweist:

  • Steht es mir zu diese Person zurechtzuweisen? Habe ich eine persönliche Beziehung zu ihr? Oder bin ich bloß jemand, der seine Nase gerne in die Angelegenheiten anderer steckt? (1.Petr. 4,15; 1.Tim. 5,13).
  • Habe ich die Angelegenheit lange genug mit Geduld getragen? Habe ich Langmut und Geduld walten lassen?
  • Reagiere ich aus Stolz, Wut oder irgend einem anderen finsteren Beweggrund?
  • Habe ich meine Motive vor dem Herrn im Gebet geprüft und ihn gebeten alle unheiligen Beweggründe aus mir zu entfernen bevor ich mit meiner Schwester oder meinem Bruder spreche?
  • Ist der Geist der Selbstgerechtigkeit und Gemeinheit aus meinem Herzen entfernt worden?
  • Habe ich für diese Person gebetet und Gott gebeten sie selbst zurechtzuweisen?
  • Bin ich zum Kreuz gegangen, bevor ich den Abzug der Zurechtweisung gedrückt habe?
  • Und vielleicht die wichtigste Frage von allen: Wie würde ich zurechtgewiesen werden wollen, wenn ich der Zurechtweisung bedüfte?

Wenn du diese Fragen nicht mit „ja“ (Frage 3 mit „nein“) beantworten kannst, dann bist du noch nicht bereit dafür deinen Bruder oder deine Schwester zurechtzuweisen.

10. Sei dir dessen gründlich bewusst, dass du genauso gefallen bist und die Verdammnis verdienst, wie die Person, die du zurechtweist. Die Sünde der Selbstgerechtigkeit besteht darin, dass man manche Sünden (die der anderen) für schwerwiegender hält als andere (die eigenen). Jesus hat Zorn mit Mord und Begierde mit Ehebruch gleichgesetzt (Matth. 5,21-22, 27-28), und Jakobus sagt, wenn du auch nur ein einziges Gebot brichst, dann hast du dadurch bereits jedes Gesetz gebrochen (Jak. 2,10). Das versetzt uns alle auf dieselbe Ebene von Hilfebedürftigkeit. Sei vorsichtig, dass du nicht denselben Punkt erreichst, den Philip Yancey schmerzlich beobachtete: “Christen werden sehr böse auf andere Christen, die anders sündigen als sie selbst.”

11. Wenn du durch das Kreuz Jesu Christi nicht gebrochen worden bist, dann kann die Bibel in deinen Händen zu einem Instrument des Todes werden. “Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig”, sagt Paulus. Die Bibel mit der fleischlichen Gesinnung zu handhaben ist eine gefährliche Sache.

12. Wenn die Zurechtweisung deiner Schwester oder deinem Bruder mehr wehtut als dir, dann hast du sie vielleicht nicht in Christus zurechtgewiesen.

13. Wenn du deinen Nächsten nicht mit Sanftmut und äußerstem Demut zurechtweist, dann besteht ganz leicht die Möglichkeit, dass du derselben Versuchung zum Opfer fällst, wenn nicht noch schlimmer. Der christliche Autor Watchman Nee schreibt in einem seiner Bücher, dass seiner Erfahrung nach jedes Mal, wenn ein Gläubiger einen anderen Gläubigen mit einer verurteilenden, selbstgerechten Haltung zurechtwies, selbst in eine ähnlich gravierende oder noch schlimmere Sünde fiel. Genau davor warnt auch Paulus und ermahnt uns deutlich, dass unsere Zurechtweisung ein „Aufhelfen im sanftmütigen Geist“ sein soll (1.Kor. 10,12; Gal. 6,1).

14. In allem sei schnell dir die ganze Angelegenheit anzuhören, langsam zum Reden, langsam darin voreilige Schlüsse zu ziehen und langsam zum Zorn (Jak. 1,19; Spr. 18,13).

Über dieses Thema könnte ein ganzes Buch geschrieben werden. Aber ich hoffe, dass diese Gedanken für dich lehrreich und ermutigend sind.

Mögen wir als Volk Gottes bei der Zurechtweisung unserer Brüder und Schwestern das niedrige Tal fleischlicher Beweggründe verlassen und uns von Gott auf die höhere Ebene der Sanftmut und Demut seines Sohnes emporheben lassen.

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