Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (Röm. 8,2)

Dieser Vers beinhaltet den Schlüssel zum Verständnis der wahren Natur der Gerechtigkeit und wie sie im Gläubigen wirkt. Um verstehen zu können, was das bedeutet, müssen wir zunächst einmal erkennen, dass es drei unterschiedliche Gesetze gibt, von denen im Römerbrief die Rede ist.

  1. Das Gesetz der zehn Gebote.
  2. Das Gesetz der Sünde und des Todes.
  3. Das Gesetz des Geistes des Lebens.

Paulus spricht in den folgenden Versen von dem Gesetz der Zehn Gebote:

Was sollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren! (Röm. 7,7)

So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut. (Röm. 7,12)

Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. (Röm. 7,14)

Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. (Röm. 7,22)

Diese Verse sprechen alle von den zehn Geboten und machen uns einige Dinge klar:

  1. Die zehn Gebote sind heilig, gerecht und gut.
  2. Die zehn Gebote offenbaren uns, dass wir Sünder sind,
  3. Das Gesetz ist geistlich, wir aber sind von Natur aus fleischlich und Sklaven der Sünde.
  4. Paulus war in einem Zustand, in dem er Lust an Gottes Gesetz hatte.

Das alles ist zwar schön und gut, aber die folgenden Verse offenbaren uns das Problem:

So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. (22) Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. (23) Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. (Röm. 7,21-23)

Hier spricht Paulus plötzlich von einem anderen Gesetz. Dieses Gesetz ist kein Rechtsgesetz. Es ist nicht in Worte gefasst oder niedergeschrieben und seine Erfüllung wird auch von keinem Regierungsapparat gefordert. Wie funktioniert es? Es funktioniert so: Wenn Paulus das Gute tun will, wird er dazu gezwungen das Schlechte zu tun. Dieses Gesetz ist stärker als sein Verlangen dem Gesetz Gottes zu gehorchen, und es macht aus ihm einen Sklaven der Sünde.

Wir sehen, dass es sich hierbei um zwei unterschiedliche Arten von Gesetz handelt. Das eine ist rechtlich (Rechtsgesetz), das andere natürlich (Naturgesetz). Rechtsgesetze sind Regeln, die von einer regierenden Autorität erlassen werden. Die zehn Gebote sind Rechtsgesetze. Sie weisen den Menschen an etwas zu tun oder zu lassen, worauf er reagieren muss. Er muss sich entscheiden entweder zu gehorchen oder den Gehorsam zu verweigern. Wo es Rechtsgesetze gibt, dort gibt es auch immer Strafen. Wenn ein Mensch den Gesetzen gegenüber gehorsam ist, wird er belohnt, wenn er ungehorsam ist, wird er bestraft. Dabei ist es die regierende Autorität, die über Belohnung und Strafe entscheidet.

Ein Naturgesetz funktioniert hingegen anders. Wenn wir an Naturgesetze denken, dann kommen uns z.B. das Gesetz der Schwerkraft, der Konsequenz, der Thermodynamik oder der Aerodynamik in den Sinn. Ein Naturgesetz funktioniert nicht so wie ein Rechtsgesetz. Bei einem Naturgesetz gibt es kein von der Regierung erlassenes “du sollst” oder “du sollst nicht”. Auch gibt es keine Belohnung oder Strafe. Ein Naturgesetz ist eine natürlich eingebaute und funktionierende Gesetzmäßigkeit, die stets dasselbe Ergebnis produziert. Deshalb bezeichnet man es als Gesetz. Denken wir z.B. an das Gesetz der Schwerkraft. Es wird Gesetz genannt, weil jedesmal, wenn etwas in die Luft geworfen wird, es wieder herunter auf die Erde fällt. Das geschieht immer so, ohne Ausnahme. Deshalb wird es als Gesetz bezeichnet.

Paulus bezieht sich also auf ein Naturgesetz, wenn er sagt: “So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt.” Er sagt nicht, dass ihm jemand ein Gebot gegeben hat, dass er stets das Böse tun soll. Er spricht vielmehr von einem in sein Innerstes eingebautes Prinzip, das so funktionierte: Wann immer er das Gute tun wollte, zwang es ihn dazu das Böse zu tun, und wenn er das Böse vermeiden wollte, fand er, dass er es dennoch tat. Er konnte sich diesem Prinzip nicht widersetzen, deshalb bezeichnet er es als Gesetz: Etwas, das ohne Ausnahme immer so funktionierte. Das erste Gesetz, die zehn Gebote, ist also ein Rechtsgesetz. Das zweite Gesetz ist das Gesetz der Sünde und ein Naturgesetz.

Welches von diesen beiden ist das stärkere Gesetz? Hier ist, was Paulus sagt:

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, (Röm. 8,3)

Paulus sagt, dass das Gesetz (die Gebote) aufgrund des Fleisches SCHWACH war. In welchem Sinne war das Gesetz “schwach”? Es war schwach, weil es keine Gerechtigkeit hervorbringen konnte. Es konnte die Sünde nicht überwinden, und der Grund dafür war, dass das Gesetz es mit sündigem Fleisch (fleischliche Gesinnung) zu tun hatte. Es existiert ein Gesetz im sündigen Fleisch: das Gesetz der Sünde. Und wenn es um das sündige Fleisch geht, ist dieses Gesetz stärker als die zehn Gebote. Die zehn Gebote verlangen ein richtiges Benehmen, aber das Gesetz der Sünde zwingt den Menschen dazu, das Böse zu tun. Er kann dieses Gesetz nicht bezwingen und ist deshalb ein Sklave seines Herrn mit dem Namen “Sünde”.  Aus diesem Grund können die zehn Gebote das Problem der Sünde nicht lösen. Ein Naturgesetz ist IMMER stärker als ein Rechtsgesetz. Das Rechtsgesetz kann verlangen und drohen, aber das Naturgesetz kommt von innen heraus und erfüllt seine Forderungen ganz natürlich. Es ist in Harmonie mit den Instinkten und den natürlichen Wegen und wird dadurch automatisch erfüllt.

Wenn das Problem der Sünde gelöst werden soll, braucht es mehr als ein Rechtsgesetz. Der Apostel erklärt das Gesetz, das Gott benutzt um das Problem zu lösen. Er sagt:

Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (Röm. 8,2)

Das ist die wundervolle Wahrheit des Evangeliums. Gott hat uns in Christus ein anderes Naturgesetz gegeben um die Kraft des ersten Naturgesetzes auszuhebeln. Dieses dritte Gesetz nennt die Bibel “das Gesetz des Geistes des Lebens”. Aber handelt es sich hierbei um ein Rechtsgesetz oder ein Naturgesetz? Wie wir bereits gesehen haben, kann ein Rechtsgesetz ein Naturgesetz nicht überwinden. Deshalb konnten die zehn Gebote gegen das Gesetz der Sünde nicht ankommen. Wollte Gott ein Gesetz aufrichten um das Naturgesetz der Sünde zu besiegen, musste er ein anderes Naturgesetz dafür einsetzen. Das Rechtsgesetz hatte versagt, denn es konnte nicht bewirken, was es forderte, weil das Fleisch seine Autorität untergrub. Es war “geschwächt durch das Fleisch”.

Doch Gott sandte seinen Sohn in das sündige Fleisch hinein und besiegte das Gesetz der Sünde im Fleisch. Wie tat er das? Indem er ein anderes Gesetz in dieses Fleisch hineinpflanzte: “das Gesetz des Geistes des Lebens”. Durch den Geist legte Gott ein anderes Prinzip in das sündige Fleisch hinein, welches es ganz natürlich liebt Gutes zu tun. Ein Prinzip, das daran Gefallen hat Gottes Willen zu tun.

Das Gesetz der Sünde wirkte folgendermaßen:
Meine fleischliche Natur liebte das Böse, sodass ich immer Böses tat, wenn ich Gutes tun wollte.

Das Gesetz des Geistes wirkt hingegen so:
Meine neue Natur liebt  das Gute. Wenn mich das Böse versucht, tue ich immer das Gute.

Beachten wir, dass dieses dritte Gesetz, “das Gesetz des Geistes des Lebens”, ein Naturgesetz ist, wie auch das Gesetz der Sünde. Es existiert kein Naturgesetz, das von Anweisungen abhängig ist um zu funktionieren. Naturgesetze besitzen eine eingebaute Kraft, die von keinen Anweisungen oder Geboten der Welt überwunden werden können. Es könnte der Mensch mit der größten Vollmacht in der Welt am Meeresufer stehen und den Wellen befehlen stehenzubleiben, aber sie würden ihn einfach ignorieren und tun, wozu sie von Natur aus bestimmt sind. Aber vielleicht ist das auch ein wenig zu hoch gegriffen. Nehmen wir deshalb ein leichteres Beispiel: Die höchste Autorität auf Erden könnte eine Feder nehmen, sie in die Luft werfen und ihr befehlen nicht auf die Erde zu fallen, und sehen wir einmal ob sie damit mehr Erfolg hätte.

Das Gesetz des Geistes ist also nicht von einem Rechtsgesetz oder von geschriebenen Geboten abhängig um sein Werk der Gerechtigkeit zu erfüllen. Das Gesetz des Geistes des Lebens wirkt, es produziert wahre Gerechtigkeit, weil Jesus buchstäblich den Geist Gottes, das gerechte Leben Gottes, in die Natur des glaubenden Christen einpflanzt. Dieses eingepflanzte Leben bringt die Früchte des Lebens Gottes hervor. Und das nicht aufgrund eines geschriebenen Gesetzes, sondern weil das das instinktive Verhalten der Natur Christi ist.

Das ist der springende Punkt und das Herzstück der großen Wahrheit über “Christus unsere Gerechtigkeit”. Gesetzlich denkende Menschen sagen, dass man nicht gerecht sein könne, es sei denn,  man halte das Gesetz. Sie erkennen zwar an, dass wir Christus brauchen um gerecht zu sein, und sie sagen sogar, dass wir auf seine Kraft angewiesen sind, aber sie können das Rechtsgesetz nicht beiseite legen. Sie sagen, wir bräuchten das Gesetz um zu wissen, was gut und böse ist und wir müssten die Hilfe Christi suchen um das Gesetz halten zu können.

Aber die Wahrheit ist, dass uns Gott das buchstäbliche Leben seines Sohnes gegeben hat!! O, Lob sei Gott für solch eine Erlösung! Er hat uns zu einem Teil von sich selbst gemacht. Und durch die Kraft seines Geistes hat er uns seine eigene, göttliche Natur eingepflanzt. So sind wir gerecht geworden OHNE DAS GESETZ (Rechtsgesetz). Das Gesetz des Geistes des Lebens, das Naturgesetz der Gerechtigkeit, erfüllt unser Leben mit guten Werken, mit der Liebe und mit der Selbstlosigkeit Christi, OHNE DAS RECHTSGESETZ. Es ist eine Gerechtigkeit, die nicht GEGEN das Rechtsgesetz der zehn Gebote geht, weil die Gebote gut sind. Aber sie ist auch nicht von den Geboten abhängig um zu wirken oder definiert werden zu können.

Das ist die wahre Botschaft von der Gerechtigkeit durch Glauben. Sie erkennt an, dass das gerechte Leben ausschließlich ein Geschenk Gottes ist, welches von denen empfangen wird, die an Jesus Christus glauben und sich ihm vollkommen ergeben. Gesetzlich orientierte Menschen können nicht wahrhaben, dass Gott uns seine Gerechtigkeit so bedingungslos, vollständig und ausschließlich als Geschenk gegeben hat. Sie meinen, wir müssten dabei einen Teil von uns aus erfüllen, indem wir uns mit dem Gesetz auseinandersetzen und ihm gehorchen, bevor wir als gerecht betrachtet werden können. Das ist der Grund dafür, warum sie darauf bestehen, dass wir durch das Gesetz regiert werden müssten. Erlösung ist jedoch das FREIE GESCHENK Gottes in Christus. Es ist zu 100% Gottes Geschenk. Alles, was wir tun können, ist Christus zu glauben bzw. zu vertrauen. Alles andere ist ein Geschenk. Wenn das nicht so wäre, dann hätte der Mensch etwas, was er zu seiner Erlösung beitragen könnte und es wäre nicht länger das alleinige Werk Christi. Das würde bedeuten, dass Erlösung nicht gänzlich durch Gnade käme.

Vater im Himmel, hilf uns zu verstehen, damit wir deine Botschaft wahrhaftig im Geist und in der Wahrheit verkündigen können.