Mir ist gegeben ein Pfahl ins Fleisch… (2.Kor. 12,7)

Seit vielen Generationen stellen Bibelkommentatoren unzählige Theorien darüber auf, was dieser Pfahl im Fleisch des Paulus war. Die Liste der beliebtesten unter ihnen reicht von verschiedenen Krankheiten (Malaria, Epilepsie, Augenkrankheit Ophtalmie) über quälende Schuldgefühle für die Verfolgung der Gemeinde bis hin zur sexuellen Abhängigkeit, die Paulus nie überwinden konnte.

Ich habe diese Theorien nie für überzeugend oder zufriedenstellend gehalten.

Wenn wir den Text so nehmen, wie er dasteht und ihn mit anderen Texten vergleichen, die eine ähnliche Sprache besitzen und dann einen Schritt zurücktreten, um einen frischen Blick auf die Aufzeichnungen des Neuen Testaments in ihrer chronologischen Abfolge zu werfen, bietet sich uns ein völlig neues Bild, das ich persönlich überzeugend finde.

Sehen wir uns den Text sorgfältig an:

Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.

Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.

Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (2.Kor. 12,7-10)

Paulus identifiziert den Pfahl in seinem Fleisch klar und deutlich. Er war ein Engel (Bote) Satans, der den Auftrag hatte Paulus zu quälen.

Als Paulus den Herrn bittet den Pfahl zu entfernen, antwortet der Heiland: “meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” (V. 9).

Der Apostel sagt gleich danach, dass er sich deshalb am allerliebsten seiner Schwachheit rühmt, damit die Kraft Christi in ihm wohne (V. 9).

Was einem auffällt, ist, dass Paulus in Kap. 11 (unmittelbar bevor er den Pfahl in seinem Fleisch erwähnt) die ganze Zeit von seiner “Schwachheit” schreibt. In diesem Kapitel gibt Paulus eine beeindruckende Liste von Bedrängnissen und Gefahren, die er um des Evangeliums willen erduldet hat.

Am Ende der Liste bezeichnet er diese Bedrängnisse als “Schwachheit” (siehe 11,30). Das ist dasselbe griechische Wort, das auch in 12,5 und 12,9-10 mit “Schwachheit” wiedergegeben wird.

Hinzu kommt, dass Paulus sein Argument in Kap. 11 beginnt, indem er von “falschen Aposteln” und “betrügerischen Arbeitern” spricht, die sich als Apostel Christi verstellen. Weiter sagt er, dass selbst Satan sich als ein Engel des Lichts verstellt (11,14).

Das griechische Wort für Engel (angelos) bedeutet Bote. Das ist das Wort, das Paulus sowohl in 11,14 als auch in 12,7 gebraucht und als “Pfahl” bezeichnet.

“Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi. Und das ist auch kein Wunder; denn er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts. Darum ist es nichts Großes, wenn sich auch seine Diener verstellen als Diener der Gerechtigkeit; deren Ende wird sein nach ihren Werken.” (2.Kor. 11,13-15)

Paulus sagt uns, dass diese “falschen Apostel” Diener Satans sind. Sie sind Boten des Teufels, die seine Befehle ausführen. Sie verkleiden sich als Boten des Lichts, genauso wie Satan. Sie beschäftigen sich mit Verleumdung, Unterstellung, Falschdarstellung und Rufmord (siehe 12,10; Paulus nennt es “böse Gerüchte” in 2.Kor. 6,8). Sie bringen auch Verfolgungen über die Gläubigen.

Gleich nachdem Paulus von dem Pfahl in seinem Fleisch spricht, bringt er erneut die falschen Apostel auf und sagt:

“Ich bin ein Narr geworden! Dazu habt ihr mich gezwungen. Denn ich sollte von euch gelobt werden, da ich doch nicht weniger bin als die Überapostel, obwohl ich nichts bin.” (2.Kor. 12,11)

Konsequenterweise, wenn wir Kap. 11 und 12 mit dem Verständnis lesen, dass Paulus uns darin seine Schwachheit erläutert, in welcher er sich rühmt, dann können wir einen viel besseren Sinn darin erkennen, was er mit dem Pfahl in seinem Fleisch eigentlich meint.

Im Alten Testament werden die Ausdrücke “Pfahl im Fleisch”, “Dorn im Auge” oder “Stachel in der Seite” als Metapher verwendet für einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen, die Gottes Volk verfolgt:

“Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übrig lasst, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Lande, in dem ihr wohnt.” (4.Mose 33,55; siehe auch Josua 23,13 und Richter 2,3)

In diesem Zusammenhang werden Gottes Feinde “Dornen” und “Stacheln” in der Seite (im Fleisch) Israels genannt, die sie bedrängen oder quälen. Diese “Dornen” waren Menschen, die von Gottes Feind aufgestachelt und benutzt wurden.

Wenn wir das Neue Testament  auf eine erzählerische Art und Weise lesen und seine chronologische Abfolge beachten, dann erkennen wir, wie überall, wo Paulus eine Gemeinde gründete, eine Gruppe von Verleumdern auftauchte und sein Werk bekämpfte, indem sie in den Augen der Christen, denen er diente, seine apostolische Vollmacht in Verruf zu bringen suchte.

Im Galaterbrief macht Paulus die Andeutung, dass diese Gruppe von Verleumdern von einer bestimmten Person angeführt wurde.

Die Gruppe: “obwohl es doch kein andres gibt; nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.” (Gal. 1,7) “Sollen sie sich doch gleich verschneiden lassen, die euch aufhetzen!” (Gal. 5,12)

Ihr Anführer: “Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn, ihr werdet nicht anders gesinnt sein. Wer euch aber irremacht, der wird sein Urteil tragen, er sei, wer er wolle.” (Gal. 5,10)

Zum Schluss seines Briefes schreibt Paulus etwas interessantes:

“Hinfort mache mir niemand weiter Mühe; denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe.“ (Gal. 6,17)

Man kann förmich ein Gebet hinter diesen Worten erkennen, in dem Paulus den Herrn bittet diese ihn plagende Person aus der Gemeinde zu entfernen.

Wenn wir all das zusammensetzen, dann ergibt sich ein interesstantes Bild.

Der Pfahl im Fleisch von Paulus scheint ein Mann zu sein (von Satan angestiftet), der damit besessen war Paulus und sein Werk zu verleumden und in den Schmutz zu ziehen. Dieser Mann folgte Paulus auf seinen Reisen, angefangen von Süd-Galatien (Apg. 14) und versuchte das Werk des Paulus zu zerstören.

Dieser “Engel”, “Bote” bzw. “Diener” Satans stand im Bunde mit einer Gruppe von Leuten, die ihm nachfolgten (Gal. 1,7; 5,12). Sie folgten Paulus in seinen Fußstapfen zu den Gemeinden in Galatien, wahrscheinlich Thessalonich und danach Korinth (er könnte der Anführer der “Überapostel” sein, die Paulus in 2.Kor. 11 erwähnt).

Dreimal bat Paulus den Herrn diesen Menschen aus seinem Leben zu entfernen. Er war eine Qual, eine Frustration und eine Belästigung für Paulus und seine Arbeit. Doch der Herr antwortete ihm, dass seine Gnade ausreichend sei. Er entfernte den Pfahl nicht, stattdessen sollte Paulus ihn erdulden.

Zum Ende seines Lebens blickte Paulus auf die Verfolgungen zurück, die er in Galatien erlitten hatte und schrieb an Timotheus:

“Du aber bist mir gefolgt in … den Verfolgungen, in den Leiden, die mir widerfahren sind in Antiochia, in Ikonion, in Lystra [Gemeinden in Galatien]. Welche Verfolgungen ertrug ich da! Und aus allen hat mich der Herr erlöst.” (2.Tim. 3,10-11)

Die Verfolgungen und Leiden dauerten trotzdem an, doch sie hielten Paulus nicht davon ab forwärts zu gehen. Durch Gottes Gnade erduldete er sie alle, denn seine Gnade war ausreichend. Obwohl sich dieser Text vielleicht nicht direkt auf den Pfahl des Paulus bezieht bleibt das Prinzip dennoch bestehen.

Beachte, dass diese Männer, die die Gemeinden in Galatien und Korinth mit ihrem “Evangelium” besuchten, scheinbar ebenfalls Hebräer waren aus der Gemeinde in Jerusalem (obwohl sie zweifellos ohne die Zustimmung der Gemeinde handelten und die Versammlung falsch darstellten – siehe 2.Kor. 11,22 und Gal. 1-2). D.h. diese Männer waren anerkannte Christen – dem Namen nach zumindest.

(Übrigens, wenn ein Mensch von Satan angeleitet wird einen Diener Gottes zu belästigen oder anzugreifen, ist er sich über seine Verbindung zur Quelle seines Verhaltens nie bewusst. Stattdessen benutzt er oft eine religiöse Sprache und rechtfertigt seine fleischliche Besessenheit mit religiösen Begründungen.)

Nach meinem Verständnis passt diese Auslegung viel besser zu den Beweisen als die alternativen Theorien. Zudem ist sie von der Erfahrung vieler Diener Gottes bestätigt.

Kurz gesagt, wenn dein Dienst für den Herrn Jesus Christus das berührt, was dem Herrn am meisten am Herzen liegt, dann wirst du früher oder später einen “Pfahl im Fleisch” spüren. Und wehe dem Menschen, der sich so vom Feind Gottes manipulieren lässt.

Doch denk daran: Selbst wenn es in einem Augenblick so aussieht als wäre seine Gnade nicht genug, wenn du später zurückblickst, wirst du erkennen, dass seine Gnade stets ausreichend war.