Welches Gesetz?

Dieses beliebte Bild sagt nicht die ganze Wahrheit.

Ich war ein wenig überrascht, als ich nach der Veröffentlichung des Artikels “Ganz Israel wird gerettet” (Leben in Christus 39, Aug. 2012) von unseren Lesern Nachrichten erhielt, dass wir in dem Artikel nicht deutlich genug ausgedrückt hätten, welches Gesetz wir meinen. Hier ist ein Beispiel für solch eine Aussage, die einige Leser für unklar hielten:

“Das Gesetz war eine Notlösung um das Volk zu unterrichten (erziehen) bis der verheißene Same kommen sollte. Das Gesetz hatte ein Ziel, einen Zweck, ein Ende. Als dieses Ziel erreicht war, hatte das Gesetz seinen Zweck erfüllt und seine Befehlsgewalt fand ein Ende.”

Wir entschuldigen uns bei allen Lesern, die den Artikel ebenfalls als verwirrend empfunden haben und möchten hiermit vollkommen klarstellen, welches Gesetz wir gemeint haben.

Ich habe mir den Artikel selbst noch einmal durchgelesen und habe bemerkt, dass ich darin die Formulierung “das System des Gesetzes” viermal benutzt habe. Hier sind einige Beispiele:

“müssen wir es so verstehen, dass sich diese Verwerfung nicht auf die individuellen Menschen bezieht, sondern auf das Erlösungssystem, das mit den Juden in Verbindung stand. Dieses Erlösungssystem war das System des Gesetzes. Das ist es, was verworfen wurde, als die Juden als Volk verworfen wurden.” (Leben in Christus 39, S. 2)

“Als das Gesetzessystem abgeschafft wurde, war es deshalb das jüdische System, das verworfen wurde.” (Leben in Christus 39, S. 3)

Ich dachte, dass solche Aussagen klar ausgedrückt hätten, dass ich damit das Regierungssystem gemeint habe, welches “das Gesetz” genannt und dem Volk Israel am Berg Sinai gegeben wurde. Manche denken sofort an die zehn Gebote, wenn sie das Stichwort “Berg Sinai” hören, doch Tatsache ist, dass am Berg Sinai den Israeliten weit mehr gegeben wurde als nur die zehn Gebote. Die zehn Gebote finden wir in 2.Mose 20,1-17. Sie machen nur einen Teil eines einzigen Kapitels aus, aber das ganze Paket der Gesetze, die am Berg Sinai gegebn wurden, nehmen das gesamte dritte Buch Mose (Levitikus) und den Rest seines zweiten Buches (Exodus) ein. Was dem Volk Israel am Berg Sinai gegeben wurde, war ein komplettes Regierungssystem, mit komplexen Vorschriften und Zeremonien, die den gesamten Aspekt ihres privaten und öffentlichen Lebens regulierten. Und dieses ganze Regierungssystem wurde allgemein als “das Gesetz” bezeichnet. Adventisten haben es sich angewöhnt, dass sie in erster Linie die zehn Gebote meinen, wenn sie  von “dem Gesetz” sprechen, doch dies ist nicht die Praxis im Neuen Testament. Im Neuen Testament beziehen sich die Schreiber mit dem Gesetz in den meisten Fällen auf dieses gesamte Regierungssystem, das das ganze Leben Israels als Nation kontrollierte. In dem besagten Artikel habe ich diese neutestamentliche Verwendungsweise adoptiert und bezog mich in meinen Hinweisen auf das Gesetz auf das gesamte Regierungssystem des Gesetzes und nicht speziell auf die zehn Gebote.

Es ist interessant zu erwähnen, dass im Jahre 1888 ein ähnliches Problem auftrat, als Jones und Waggoner die Aufmerksamkeit der STA-Gemeinde auf Christus unsere Gerechtigkeit lenkten. Ältester Waggoner lehrte, dass das Gesetz, von dem Paulus in Galater spricht, sich auf das Sittengesetz der zehn Gebote beziehe. Dies entfachte starken Widerstand bei einigen der leitenden Brüder, weil manche Dinge, die Paulus im Galaterbrief über das Gesetz sagt, sehr negativ sind. Hier sind einige Beispiele:

Alle, die auf Werke des Gesetzes vertrauen, sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht in allem bleibt, was im Buch des Gesetzes geschrieben steht, indem er es tut! (Gal. 3,10)

Das Gesetz aber ist nicht aus Glauben, sondern: Nur der Mensch, der es ganz erfüllt, wird dadurch leben. (Gal. 3,12)

Was soll dann das Gesetz? Es ist hinzugekommen der Sünden wegen, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gegeben wurde, und es ist von Engeln verordnet durch die Hand eines Mittlers. (Gal. 3,19)

Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und eingeschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte. Also ist das Gesetz unser Erzieher gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerechtfertigt würden. Nachdem aber der Glaube gekommen ist, unterstehen wir nicht mehr dem Erzieher. (Gal. 3,23-25)

Waggoner lehrte, dass das hier erwähnte Gesetz die zehn Gebote seien. Seine Gegner sagten hingegen, es beziehe sich auf die Zeremonialgesetze. Interessanterweise erklärte Ellen White, dass es sich auf “beide Gesetze” beziehe!

Man fragt mich, wie es mit dem Gesetz im Galaterbrief aussieht. Welches Gesetz ist der Erzieher, der uns zu Christus führt? Ich antworte darauf: Beide — das Zeremonialgesetz und das Sittengesetz der zehn Gebote. {FG1 246.1}

Offensichtlich meinte sie damit, dass sich Paulus auf das gesamte Gesetzessystem bezog und nicht lediglich auf einen bestimmten Aspekt davon.

Der springende Punkt ist, dass das Gesetz als System das Werkzeug war, wodurch Gott das Volk Israel hunderte Jahre lang regierte und führte. Dies bezieht sich auf das gesamte Gesetzessystem, nicht nur auf einen bestimmten Teil davon. Es war ein Erzieher (Zuchtmeister), der sie lehren, weisen und auf das Kommen des Messias vorbereiten sollte. Als der Messias kam, hatte Gott bereits ein anderes Regierungssystem für sein Volk gelplant. Anstatt sie erneut durch äußerliche Gebote zu führen und zu regieren, hat er seine Gebote nun in ihr Innerstes gelegt, in ihre Herzen und ihre Natur. Wie hat er das vollbracht? Indem er sie mit seinem eigenen Geist erfüllt und ihnen seine göttliche Natur eingeflößt hat. Nun wirken sie auf derselben Grundlage Gerechtigkeit wie Gott: auf der Grundlage einer vollkommen guten Natur. Sie handeln nun nicht mehr aufgrund eines Systems äußerlicher Regierung richtig, sondern weil Gottes Geist in ihren Herzen wohnt. Deshalb sagt Paulus:

Regiert euch aber der Geist, dann seid ihr nicht unter dem Gesetz. (Gal. 5,18)

Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade. (Röm. 6,14)

Hesekiel drückt es so aus:

Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch hineinlegen. Ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich werde meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die nach meinen Geboten leben und meine Rechte halten und danach tun. (Hes. 36,26-27)

Es gab zwei grudlegend verschiedene Systeme: Das eine war das System des Gesetzes, das den Menschen von außen regierte. Es forderte ein richtiges Verhalten und bot oberflächliche Lösungen für die Sünde, berührte jedoch nicht das Herz und seine Beweggründe. Das andere System ist das System des Geistes. Dieses System fordert rein gar nichts, sondern gibt vielmehr ein neues Herz und einen neuen Geist, die Liebe und ein gerechtes Leben produzieren. Dieses zweite System erfüllt die Gerechtigkeit des Gesetzes ohne das Gesetz (Röm. 3,21).

Tatsache ist, dass die zehn Gebote sehrwohl das Verhalten beschreiben, welches sich in einem gerechten Leben offenbart. Deshalb würde ich nie behaupten, dass sie jemals abgeschafft werden könnten. Paulus sagt, dass das Gebot “heilig, gerecht und gut” ist (Röm. 7,12), und er bezog sich in diesem Fall klarerweise auf die zehn Gebote. Sie wurden jedoch als Teil des Gesetzessystems gegeben – ein System, das in seiner Ganzheit und in allen seinen Teilen den Menschen nie gerecht machen konnte. Deshalb war das gesamte Gesetzessystem nur vorübergehend (befristet, zeitlich begrenzt, notdürftig, provisorisch, temporär). Das ist der springende Punkt. Es war das System, das mitsamt seinen Geboten, die sich auf das Äußerliche anstatt auf das Innerliche des Menschen richteten, aufhören sollte.

Gott hatte nie beabsichtigt sein Volk äußerlich zu regieren, weil solch ein System niemals wahre Gerechtigkeit hervorbringen könnte. Stattdessen ist es schon immer sein perfekter Plan gewesen uns durch seinen Geist in unserem innersten Wesen zu erreichen und uns durch seine geistliche Gegenwart in uns zu regieren und nicht durch äußerliche, gesetzliche Vorschriften.

Doch die Bibel lehrt, dass bis zur Verwirklichung seines vollkommenen Plans, also bis zum Kommen des Samens, der dieses perfekte System aufrichten sollte, Gott das Volk Israel unter die Regierung eines zeitlich begrenzten äußerlichen Systems gestellt hatte. Er regierte, disziplinierte und lehrte sie durch strenge Vorschriften, Zeremonien und Ritualien, die alle unter dem Begriff “das Gesetz” zusammengefasst waren und lediglich ihr äußerliches Verhalten zügeln und bändigen sollten. Es war nie sein vollkommener Weg, aber es erfüllte seinen Zweck und bereitete die Juden und den Rest der Welt auf das Kommen der wahrhaftigen Wirklichkeit vor: Jesus Christus (der Same). Er ist Gottes perfekte Antwort auf das Sündenproblem des Menschen.

Ich hoffe, dass diese Erklärung dazu beigetragen hat dieses Thema für diejenigen aufzuklären, für die es unklar war.

David Clayton