Wenn wir heute von Erlösung sprechen, tendieren die meisten Christen dazu, sich auf den Aspekt der Rechtfertigung zu konzentrieren. Tatsächlich benutzen wir die Bezeichnung “Rechtfertigung durch Glauben” oft, wenn wir von der Botschaft der Gerechtigkeit in Christus sprechen. Die meisten Christen betrachten die Rechtfertigung als Grundlage der Erlösung, auf welcher Gott uns akzeptiert und annimmt.

Rechtfertigung ist ein rechtlicher Ausdruck und bedeutet: “Gerechtigkeit, die dem Menschen zugesprochen wird”. Nehmen wir an jemand wird eines Verbrechens beschuldigt und nach der Gerichtsverhandlung für unschuldig erklärt. Wir sagen dann oft, dass dieser Mensch freigesprochen wurde, was soviel bedeutet, dass er vor dem Gesetz gerechtfertigt dasteht. Dabei geht es nicht darum, ob er das Verbrechen wirklich begangen hat, sondern vielmehr darum, welche Entscheidung das Gericht über ihn gefällt hat. Rechtliche Rechtfertigung oder Rechtsprechung hat mit der Entscheidung des Gerichtes zu tun, nicht mit dem eigentlichen Zustand der rechtgesprochenen Person.

Wenn wir die Erlösung jedoch nur in Verbindung mit einer Rechtfertigung in solch einem rechtlichen Sinne verstehen, dann erhalten wir ein ziemlich unvollständiges Bild. Da sich viele christliche Gruppierungen nur auf den Aspekt der Rechtfertigung konzentrieren, wird auf die Lebensweise oft nur wenig oder gar kein Wert gelegt, wodurch das Verhalten solcher Christen oft Schande über den Namen Gottes bringt. Das kommt daher, dass man ihnen weis macht, ihr rechtlicher Zustand sei das einzige, was zähle. Sehen wir uns aber an, was die Bibel über das Thema der Erlösung sagt.

Abraham gerechtfertigt

Was sagen wir denn von Abraham, unserm leiblichen Stammvater? Was hat er erlangt? Das sagen wir: Ist Abraham durch Werke gerecht, so kann er sich wohl rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? »Abraham hat Gott geglaubt, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.« (Röm 4.1-3)

Beachte, wie Paulus sagt, dass Abrahams Glaube ihm “zur Gerechtigkeit gerechnet” wurde. Es stellt sich natürlich sofort die Frage: War Abraham tatsächlich gerecht, als er gerecht gesprochen wurde? Wenn wir “gerecht” im rechtlichen Sinne verstehen, also dass jemand gerecht gesprochen wird, dann war er gerecht. Wenn wir “gerecht” jedoch so verstehen, dass er dadurch der Natur nach gut wurde und sein Verhalten moralisch tadellos war, dann war Abraham nicht wirklich gerecht.

Betrachten wir Abrahams Glauben, dann müssen wir sagen, dass er ein hervorragendes Kind Gottes war. Und dennoch tat er Dinge, die kein Christ heute praktizieren würde. Abraham log z.B. Gegenüber Pharao und Abimelech, als er diesen beiden Männern sagte, dass Sara seine Schwester sei, obwohl sie seine Ehefrau war. Er führte auch Kriege und tötete viele Menschen, was viele Christen heute verurteilen würden, weil es für sie gegen die Prinzipien Christi geht.

War David gerecht?

Vielleicht kann ich aber anhand des Königs David besser demonstrieren, was ich meine. Die Bibel sagt, dass David ein Mann nach dem Herzen Gottes war. Viele Menschen glauben, dass David so gerecht und gut war, dass er dadurch in Gottes Herzen einen besonderen Platz fand. Es gibt jedoch einige Dinge in Bezug auf Davids Glauben und sein Verhalten, die diesem Gedanken stark zu widersprechen scheinen. Wir alle kennen die Geschichte über Davids Ehebruch mit Batseba, der Frau des Uria und wie er ihn ermodete. Es sind Sünden, die David später bekannte und bereute. Aber schau einmal, was David hier sagt:

Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden. (Psalm 139.21-22)

Das sind die Worte Davids! Und obwohl sie in den Psalmen stehen, können wir trotzdem sagen, dass es die Aussagen einer Person sind, die die Gerechtigkeit Gottes besaß? Ich frage anders: Ist das die Einstellung Gottes gegenüber seinen Feinden? Jesus sagt: “Liebt eure Feinde”. Hatte David diesen Geist in seinem Herzen?

Als David von seinem Sohn aus Jerusalem vertrieben wurde, begegnete ihm ein Mann namens Schimi, ein Verwandter Sauls, der ihn fluchte uhnd ihn mit Steinen bewarf. Ein wenig später, als Absolom besiegt und getötet war, kehrte David nach Jerusalem zurück. Da kam Schimi erneut, um ihm zu begegnen, diesmal jedoch mit einer ganz anderen Geisteshaltung. Er kam mit einem demütigen Herzen und bat David um Vergebegung für das, was er ihm angetan hatte.

Schimi aber, der Sohn Geras, fiel vor dem König nieder, als dieser über den Jordan gehen wollte, und sprach zum König: Mein Herr rechne es mir nicht als Schuld an und denke nicht mehr daran, dass dein Knecht sich an dir vergangen hat an dem Tage, da mein Herr, der König, aus Jerusalem ging, und der König nehme es nicht zu Herzen. Denn dein Knecht erkennt, dass ich gesündigt habe. Und siehe, ich bin heute als Erster vom ganzen Hause Josef gekommen, dass ich meinem Herrn, dem König, entgegenzöge. Aber Abischai, der Sohn der Zeruja, hob an und sprach: Sollte Schimi nicht sterben, da er doch dem Gesalbten des HERRN geflucht hat? David aber sprach: Was hab ich mit euch zu schaffen, ihr Söhne der Zeruja, dass ihr mir heute zum Satan werden wollt? Sollte heute jemand sterben in Israel? Meinst du, ich wisse nicht, dass ich heute wieder König über Israel geworden bin? Und der König sprach zu Schimi: Du sollst nicht sterben. Und der König schwor es ihm. (2.Sam. 19.18-23)

David gab vor Schimi vergeben zu haben. Als er jedoch Jahre später auf seinem Sterbebett lag, sagte er zu seinem Sohn Salomo:

Und siehe, du hast bei dir Schimi, den Sohn Geras, den Benjaminiter von Bahurim, der mir schändlich fluchte zu der Zeit, als ich nach Mahanajim ging. Dann aber kam er mir entgegen am Jordan. Da schwor ich ihm bei dem HERRN und sprach: Ich will dich nicht töten mit dem Schwert. Du aber lass ihn nicht ungestraft; denn du bist ein weiser Mann und wirst wohl wissen, was du ihm tun sollst, dass du seine grauen Haare mit Blut ins Totenreich bringst. (1.Kön. 2.8-9)

War David gerecht? War das der Geist Christi? Und dennoch hat David die Zusicherung der Erlösung erhalten, weil wir durch den Glauben gerechtfertigt werden, nicht durch Werke! Nicht durch unsere Gerechtigkeit, nicht durch unser Verständnis der Wahrheit, sondern durch unseren Glauben werden wir gerechtfertigt. Wie Abraham war auch David von Gott geliebt, und wurde aufgrund seines Glaubens gerechtfertigt, und nicht, weil er die Wahrheit verstand oder missverstand.

Je mehr wir dieses Prinzip verstehen, desto klarer erkennen wir, dass der Glaube das wichtigste Element für die Menschheit darstellt. Nichts kann sich mit dem Glauben messen und nichts ist so wichtig wie er, wenn es um unsere Beziehung zu Gott geht. Der Glaube ist in der Tat das Schlüsselelement.

Der Punkt ist also, dass Abraham die Gerechtigkeit angerechnet wurde. Gott hat ihn für gerecht erklärt, obwohl er zu der Zeit inwendig gar nicht gerecht war. Das ist Rechtfertigung, die in diesem Sinne nichts anderes als eine rechtliche Erdichtung ist. Sie ist rechtlich gesehen zwar wahr, in der praktischen Erfahrung jedoch nicht existent.

War Samuel gerecht?

Samuel ist ein weiteres Beispiel, das wir hier aufführen können. Er war ein außergewöhnlicher Prophet Gottes, dem wir einst im Himmel begegnen werden. In der Bibel lesen wir aber, dass Samuel folgendes tat:

Samuel aber sprach: Wie dein Schwert Frauen ihrer Kinder beraubt hat, so soll auch deine Mutter der Kinder beraubt sein unter den Frauen. Und Samuel hieb den Agag in Stücke vor dem HERRN in Gilgal. (1.Sam. 15,33)

Die meisten von uns würden seine Tat als schrecklich, barbarisch und boshaft betrachten. Samuel hat Agag nicht einfach nur getötet, sondern er hieb ihn in Stücke. War das die Tat eines Christen? Würde Christus je so etwas tun? Wenn wir dieses und viele andere solcher Beispiele betrachten, sehen wir eindeutig, dass diese Menschen weder unsere Erkenntnis, noch die Gerechtigkeit besaßen, die wir besitzen. Das Kommen des Trösters, und die Erfahrung, dass Christus in uns lebt, hat eine große Auswirkung darauf gehabt, wie sich Christen heute verhalten. Im Vergleich zum Verhalten der Menschen vor dem Kommen Christi ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Deshalb können wir ausschließlich durch die Gnade Gottes durch den Glauben erlöst werden. Die Rechtfertigung ist die offene Tür zur Erlösung. Wir können niemals auf der Grundlage unserer Werke oder unserer Erkenntnis der Lehren erlöst werden, sondern ausschließlich auf der Grundlage der Rechtfertigung, die wir durch den Glauben ergreifen.

Und hier müssen wir eine Tatsache ausdrücklich klarstellen: Rechtfertigung ist keine Erlösung! Sie ist lediglich die Zusicherung der Erlösung, jedoch nicht die Erfahrung der Erlösung.

Alle gerechtfertigt

Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. (Röm. 3,23-24)

Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn gerettet werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind. (Röm 5,8-9)

Beachte diesen sehr interessanten Punkt: alle haben gesündigt, deshalb sind auch alle gerechtfertigt. So erstaunlich, wie es sich anhören mag, aber das betrifft den ganzen Planeten, alle Menschen in der ganzen Welt, die jemals gelebt haben und noch leben werden. Gott rechtfertigt die Gottlosen. Um das besser verstehen zu können, müssen wir zunächst verstehen, was Rechtfertigung eigentlich bedeutet. Die folgenden Passagen geben uns einen weiteren Einblick in die Bedeutung dieses Wortes.

Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. (Röm. 5,18)

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2.Kor. 5,19)

Das sind zwei der bemerkenswertesten Verse in der ganzen Bibel. Es heißt hier, dass Gott die Sünden der Menschen in der Welt nicht zurechnet. Beachte, hier geht es nicht nur um Christen, oder nur um die, die Buße tun und sich bekehren, sondern hier ist die Rede von allen Menschen auf der ganzen Welt. Wenn einem Menschen seine Sünden angerechnet werden, dann werden sie ihm zu Lasten gelegt. Die Tatsache, dass Gott niemandem seine Sünden zurechnet, bedeutet, dass er niemandem irgend eine Sünde zu Lasten legt. So erstaunlich wie das auch klingen mag, müssen wir zu dieser Schlussfolgerung gelangen, wenn wir die Verse offen und ehrlich untersuchen. Was Gott damit sagen will, ist, dass er das Sündenproblem so gründlich gelöst hat, dass es nie mehr zu einem Hindernis zwischen ihm und sein Volk werden kann.

Rechtfertigung ist keine Erlösung

Bedeutet das aber, dass nun alle Menschen erlöst werden? Unglücklicherweise lautet die Antwort darauf “Nein”. Denn obwohl die Schuld kein Problem mehr darstellt, wenn es um die Beziehung zwischen Gott und die Menschen geht, gibt es nach wie vor eine Hürde, die selbst Gott nicht überwinden kann. Diese Hürde wird auch dafür verantwortlich sein, dass viele Milliarden von Menschen verloren gehen werden und das obwohl Sünde dem Menschen nicht mehr angerechnet wird.

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. (Joh. 3,17-18)

Beachte, wo das Problem jetzt liegt: Menschen werden aufgrund ihres Unglaubens gerichtet, nicht mehr aufgrund ihrer Sünde! Das Sündenproblem wurde durch Jesus Christus ein für allemal beseitigt und komplett aus dem Weg geräumt. Nun wird der Sünder nicht mehr von seiner Sünde gerichtet, sondern von seinem Unglauben. Das Problem ist nun, dass der Sünder Jesus Christus, der das Sündenproblem beseitigt hat, nicht annehmen will. Es ist nicht Gott, der ihn richtet und auch nicht die Sünde, sondern sein eigener Unglaube.

Wir müssen hier der Klarheit halber etwas einfügen: Wenn wir sagen, dass Sünde kein Problem mehr darstellt, weil sie aus dem Weg geräumt worden ist, dann sprechen wir von der Schuld, die durch die Sünde erzeugt wurde. Der Zustand des Schuldigseins vor Gott, mit der Konsequenz der Entfremdung von ihm und die Todesstrafe, die sie mit sich bringt, sind von Jesus Christus komplett aus dem Weg geräumt worden. Sie existieren nicht mehr als Hindernis zwischen Gott und dem Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass es in der Welt und dem Verhalten der Menschen keine Sünde mehr gibt, sondern vielmehr, dass die aus der Sünde resultierende Schuld nicht mehr existiert und die Beziehung zwischen Gott und Mensch deshalb auch nicht mehr behindern kann.

Wir haben hier also die Wahrheit, dass die ganze Welt gerechtfertigt worden ist. Diese Rechtfertigung kann aber nicht von der ganzen Welt empfangen werden, weil die Welt nicht glaubt. Um die Vorrechte der Rechtfertigung erfahren zu können, muss man glauben. Das bringt einen wichtigen Punkt hervor: Rechtfertigung ist zwar das Anrecht auf Erlösung, aber nicht die Erlösung selbst! Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Aber das bedeutet nicht, dass Abraham selbst in dem Moment gerecht war. Es bedeutet auch nicht, dass er sich in dem Moment in einem erlösten Zustand befand. Er hatte das Anrecht auf Erlösung, aber Anrecht ist nicht gleich Erfahrung.

David Clayton